Wirtschaft

Wie sich die Autostadt Detroit neu erfindet

Früher war alles besser – aber das Leben geht weiter.

Jeden Morgen, wenn der Fließbandarbeiter Bryan Moore zur Arbeit fährt wird ihm mal wieder klar, dass seine Zukunft irgendwie an einem seidenen Faden hängt. Oder besser gesagt: an einem Kabel.

Moores Kopfkino läuft so: Erst lenkt er seine himmelblaue Familienkutsche auf das Gelände des Autobauers General Motors in der Autometropole Detroit. Der Wachposten an der Schranke nickt, Moore nickt zurück. Eine Rechtskurve noch, und dann sieht er sie: ein Dutzend funkelnder Neuwagen vom Typ „Volt“, viel gelobt für den revolutionären Elektromotor unterm Blech.

In Reih und Glied stehen sie da, geparkt unter einem 80 Meter langen Solardach, und dicke orangefarbene Ladekabel kringeln sich hin zu Säulen mit Steckdosen.

Manchmal hält Moore dann kurz an. Und fragt sich, ob die Zeit schon reif ist für Autos mit Elektromotor, die Kabel und Steckdosen brauchen statt bloß Sprit. Was Moore bei diesem Anblick empfindet, mäandert hilflos zwischen Stolz und Angst. „Ich weiß, wie gut dieses Auto ist, ich baue es ja jeden Tag“, sagt er sich. So klingt Bryan Moores Stolz.

„Aber wird diesen Wagen auch jemand kaufen? Und wenn nicht, was passiert dann mit meinem Job?“ So klingt Bryan Moores Angst.

Und dann, beim Anblick all der fabrikneuen Volts und wie sie da an ihren Kabeln hängen,  fällt ihm wieder auf, dass es ein bisschen so wirkt, als hinge die Zukunftshoffnung von General Motors – am Tropf.

So wie seine eigene. So wie die von ganz Motor City, wie Detroit wegen seiner glorreichen Auto-Vergangenheit genannt wird. So wie das ganze Land. Willkommen in den USA. Willkommen in einem Land am Tropf.


Fotostrecke Detroit: Wie sich die Autostadt neu erfindet


Mensch, Amerika, alter Freund, was ist los mit dir?

Jahrzehntelang war das Land der unbegrenzten Möglichkeiten das Stehaufmännchen unter den Volkswirtschaften. Krisen kamen und gingen, Amerikaner verloren ihre Jobs und fanden doch schnell wieder neue. Und alle Welt staunte über die Fähigkeit Amerikas, sich immer wieder neu zu erfinden.

Irgendwas ist anders jetzt. Es wirkt, als habe sich Amerikas Wirtschaft eingemauert in ihrer Tristesse. Zu viele Arbeitslose, zu wenig Wachstum. Zu viele Schulden, zu wenig Nach­frage. Dazu, und das ist neu, wenig Optimismus: 63 Prozent der Amerikaner fürchten laut Umfragen, ihren derzeitigen Lebensstandard nicht mehr lange halten zu können. Es ist ungemütlich geworden im Land des Amerikanischen Traums.

Und wer das ganze Ausmaß der amerikanischen Krise sehen will, der muss nach Detroit kommen, nach Motor City. Die Stadt im Nordosten der Vereinigten Staaten an der Grenze zu Kanada galt einst als Weltzentrum des Automobilbaus. Hier erfand Henry Ford die Fließbandarbeit, die das Auto zum erschwinglichen Konsumgut für alle machte.

In den goldenen 50er-Jahren arbeiteten hier Hunderttausende für die „Big Three“ unter den US-Autobauern, General Motors, Ford und Chrysler. Detroit, das war der industrielle Kern Amerikas, das Malocher-Mekka.

Vorbei. General Motors und Chrysler überlebten die jüngste Krise nur dank staatlicher Finanzhilfen, trotz leichter Besserung ist die Auto-Industrie noch immer ein Pflegefall. Statt rauchender Schlote dominieren in Detroit jetzt riesige Brachflächen und zugemüllte Fabrikruinen das Stadtbild wie offene, eitrige Wunden.

Die Arbeitslosigkeit in De­troit pendelt um die 20 Prozent. Das Produkt der Perspektivlosigkeit ist Gewalt: 400 Morde pro Jahr in einer Stadt, die kleiner ist als Köln! Zum Vergleich: In ganz Deutschland gab es im vergangenen Jahr 814 Mordfälle. Good night, Detroit?

Bratkartoffeln und Rührei, aber irgendwie schmeckt’s ihm nicht.

Der Journalist John Gallagher stochert in einem Café am Eastern Market lustlos in seinem Frühstück, vielleicht verliert man ja den Appetit angesichts all der schlechten Nachrichten.

Die aufzuschreiben ist sein Beruf: Seit einem Vierteljahrhundert berichtet Galla­gher für sein Blatt, die „Detroit Free Press“, vom andauernden Niedergang seiner Stadt. Das klingt dann ungefähr so: „In den 70ern arbeiteten in Detroit mehr als 250.000 Menschen für die Auto-Industrie, heute sind nur noch 30.000 übrig. Noch Fragen?“

Und früher? „Wer bereit war, hart zu arbeiten und sich die Hände dreckig zu machen, der fand einen Job in der Auto-Industrie, egal ob mit oder ohne Schulabschluss.“

Fabrikarbeiters Paradies sei Detroit gewesen, sagt Galla­gher. Prima Einkommen, eigenes Haus, eigenes Auto, Ferienhaus mit Bootssteg, gute Schulen für die Kinder. „Und man hat gedacht, es würde immer so weitergehen.“ Es ging aber nicht so weiter, nur die Jobs gingen, nach Asien, nach Mexiko, „und sie werden auch nicht wiederkommen“.

Und jetzt? „Eine neue Gründerkultur braucht man hier, viele kleine Unternehmen, Leute, die sich was trauen, ein Risiko eingehen, Arbeitsplätze schaffen“, sagt Gallagher.

Immerhin: Erste Neuansiedlungen hat es bereits gegeben, regenerative Energie, Medizintechnik, Informationstechnologie. „Das ist unsere Zukunft“, sagt Gallagher. Zwar sei der Neuanfang noch nicht viel mehr als ein zartes Pflänzchen. „Aber es könnte klappen, nur wird es eben ein langer Weg.“

Wer hat so viel Geduld? Wie soll man sich durchschlagen in einem Land, in dem Arbeits­losengeld oft nur für ein paar Wochen gezahlt wird und in dem es danach in vielen Bundesstaaten nur noch ­Lebensmittelkarten gibt?

Vielleicht muss man Schrott verkaufen, so wie Dave Dershi­ki.

Der 31-Jährige steht auf einem staubigen Parkplatz in Romulus, einem verschnarchten Vorort Detroits, neben ihm brennen ein paar getränkte Lappen in einem alten Ölfass.

Es ist Flohmarkt, und Dershinski verkauft mal wieder alles, was sich noch irgendwie zu Dollars machen lässt. Alte Kameras und Eisenteile, Glasvasen, selbst ein abgebrochener Rückspiegel liegt auf seinem Tapeziertisch. Jede Woche steht er hier, mal springen 200 Dollar raus, mal mehr, dazu Foodstamps, Lebensmittelmarken, für 400 Scheine im Monat, „so überlebe ich halt“, sagt er.

Von der Hand in den Mund leben – so war’s nicht immer. Bis vor ein paar Monaten hatte der gelernte Klempner einen guten Job in der Industrie, „dann bekamen auf einen Schlag 95 Mann die Kündigung, und ich war einer davon“. Hoffnung auf einen Job hat er kaum. „Hard times“, sagt er, harte Zeiten.

Wenigstens der Trödel-Nachschub wird ihm nicht ausgehen: Er liegt buchstäblich auf der Straße. Rund 90.000 Häuser, schätzt die Stadtverwaltung, stehen leer in Detroit.

In ihren besten Jahren, als Detroit als prosperierendste Industriestadt der Welt galt, kratzte die Metropole an der Zwei-Millionen-Einwohner-Marke. Vor zehn Jahren zählte man noch 900.000 Detroiter. Heute sind es 700.000.

Erst verschwinden die  Arbeitsplätze, dann die Bürger. Es sei immer dasselbe, sagt der Journalist John Gallagher: „Wenn die Leute die Raten fürs Haus nicht mehr zahlen können, gehen sie einfach, sie nehmen mit, was sie brauchen können, der Rest bleibt da.“ Dann kommen Trödelhändler wie Dershinski.

Der Weg zu Missis Davis führt vorbei an verbrannter Erde.

Auf der hölzernen Veranda sitzen, mit den Nachbarn der Iroqouis Street klönen, der sonntägliche Kirchgang – das war lange Jahre das gute Leben von Elpha Gene Davis. Auf ihrer Veranda sitzt die 76-Jährige auch heute noch, nur die Nachbarn von damals sind längst weg.

„Sie sind dorthin, wo es noch Jobs gibt, so wie meine Söhne“, sagt die alte Frau, die knochigen Finger knotend. Schlimm sei es jetzt hier, all die verkohlten Ruinen in der Straße, „fast jede Nacht brennen Häuser, die Gangs kommen und zünden sie einfach an“.

Auch Missis Davis will weg, am besten sofort, aber die karge Rente reicht dafür nicht. „Ich möchte noch arbeiten“, sagt sie „als Stenotypistin, als Putzfrau, mir egal.“

Von einer kleinen Wohnung im Stadtzentrum träumt sie, dort, wo es noch sicherer ist und fast nie jemand schießt. 1.200 Dollar würde das kosten, monatlich, und sie weiß, dass dies für sie so realistisch ist wie eine Reise zum Mars.

Also wird sie bleiben, wie so viele, die weg wollen und es nicht können. Weil ihnen genauso das Geld fehlt. Vor allem aber, weil auch woanders niemand auf sie wartet.

Kaum einer weiß das besser als Professor Stephen Spurr, Arbeitsmarkt-Experte an der Detroiter Wayne-State-Universität. Er sitzt in seinem Minibüro, umgeben von Bergen aus Papier. Unten in der Mensa spachteln Studenten schon ihr Abendessen, aber Spurr mag noch nicht heim, er redet lieber über das, was falsch läuft in den USA.

„Das amerikanische Bildungssystem ist ein Desaster“, sagt Spurr. Das gelte fürs ganze Land, aber besonders für Detroit. „Fast die Hälfte der Erwachsenen in dieser Stadt kann kaum lesen und schreiben. Wie sollen diese Menschen jemals wieder einen Job finden, egal ob hier oder anderswo?“

Hoffnung macht Spurr dagegen die zuletzt etwas bessere Entwicklung auf dem landesweiten Arbeitsmarkt. „Insgesamt geht es in den USA aufwärts, langsam zwar, aber immerhin.“

Selbst in Detroit ist das spürbar, ein wenig zumindest. Die Autobauer, die in der Krise massenhaft Leute entlassen mussten, verkaufen wieder mehr Wagen. „Es stimmt, die Jobs dort sind jetzt wieder sicherer“, sagt Spurr. Und auch sonst entstünden neue Arbeitsplätze: „Gut Ausgebildete finden hier durchaus wieder ihre Chance.“ So wie Wesley Adams.

Wer ihn besuchen will, muss erstmal am Barmann  vorbei.

Downtown, Dienstagabend. Kinogänger strömen aus dem berühmten Fox-Theater, ein paar fallen noch in die Centaur-Bar ein, wo sie die besten Martinis machen in der ganzen Stadt. Früher beherbergte das Gebäude eine Zahnpastafabrik, die ging pleite, das Haus stand leer, bis Investoren es kauften und sanierten. Hinter der weitläufigen Bar versteckt sich ein Fahrstuhl, und wer nach oben zockelt, landet im schicken Loft von Wesley Adams.

Gerade erst ist der smarte Endzwanziger, College-Abschluss, Lacoste-Hemd, teure Uhr, von der Arbeit gekommen, es hat mal wieder länger gedauert im Büro. Seine Firma macht in Marketing und Werbung, Print wie Web, wobei online natürlich immer wichtiger werde, „passt einfach besser in die Zeit“, sagt Adams. Und dann redet er von „Konsumentenkontakten“ und „Bruttoreichweiten“ und „ausgeklügeltem Rabattsystem für den Einzelhandel“. Und davon, dass in Downtown jetzt doch tatsächlich langsam die Parkplätze knapp werden, wegen all der neuen Mitarbeiter von Versicherungen, von Hypothekenbanken, die ihr Personal zuletzt kräftig aufstockten.

Aber Industrie? Männer mit Blaumann und Schraubenschlüsseln? „Doch, doch“, sagt Adams, dieses Motor-City-Ding, das sei schon noch drin in den Köpfen der Leute hier, man spüre das oft. Auch in seinem Kopf? Er lächelt: „Ich fahre Toyota.“ Smart, gut ausgebildet: Vielleicht ist Wesley Adams ja einer jener Hoffnungsträger, von denen Sandy Baruah, Chef der Detroiter Handelskammer, so gerne spricht: „Wer hungrig ist nach Erfolg, der ist uns hochwillkommen in dieser Stadt“, sagt er – und versichert: Man wolle die Wirtschaft Detroits „breiter aufstellen“, unabhängiger werden von den Autobauern.

Gebrauchen könne man dabei alles. Hochtechnologie, aber auch Lifestyle-Firmen, Handel, Service-Industrie. „Und Künstler, Musiker, Leute, die Restaurants neu eröffnen und Bars.“ Damit die Stadt ein neues, ein frisches Gesicht bekommt. „Detroit lag am Boden. Aber jetzt stehen wir wieder auf“, sagt Baruah. Niemand hier resigniere. „Optimismus liegt in den amerikanischen Genen. Nirgendwo spürt man das mehr als hier.“

Für den eigenen Traum kämpft auch Sean Moloney.

Der 32-Jährige steuert seinen silbernen Chrysler durch die Straßen der Stadt, heute ist mal frei, zwei Wochen lang hat er „geschuftet wie ein Tier“.

Moloney schmeißt die Bar im „The Well“, einer Bierpinte in Downtown. „Kein toller Job“, sagt er, egal, er träumt eh von Höherem. „In vier Jahren habe ich zwei eigene Läden, schicke Restaurants, mit Angestellten.“ Jeden Cent legt er zur Seite dafür, für die Schanklizenz, die ihn 20.000 Dollar kosten wird.

Wenn Moloney von seinen Plänen erzählt, klingt es, als wäre er der Chefverkäufer des Amerikanischen Traums. „Du kannst alles schaffen hier in diesem Land, wenn du nur alles gibst, wenn du nur hart genug arbeitest.“

Hart arbeiten, an die Zukunft glauben, egal wie schwer das fällt – vielleicht ist es das, was Amerika doch unterscheidet vom Rest der Welt. Was es doch wieder auf die Füße fallen lässt. Wenn man sich dort nur richtig ins Zeug legt.

So wie Mark Kasprzyk, Sänger der Rockband „Redlight King“, an diesem Abend. 400 Fans sind zu seinem Auftritt in Downtown gekommen, eine bunte Mischung aus Malochern und Bürohockern.

Die Gitarrenriffs sind hart,  Kasprzyk  singt „Built to last“, „Gebaut, um zu überdauern“. Plötzlich ändert er den Text, „Detroit wird überdauern“, die Menge jubelt, geballte Fäuste schießen hoch.

Dann ist der Song zu Ende. „Es wird ein verdammt langer Weg“, sagt Kasprzyk, fast zu sich selbst.  Alle nicken.

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