Flugzeuge im Visier der Rohstoff-Jäger

Wie man 60 Tonnen Wertstoffe aus einem alten Airbus holt


Braunschweig. Wenn Sebastian Jeanvré das Nötigste für seine nächste Dienstreise zusammenpackt, braucht er zwei riesige Seecontainer. Trennscheren und Sortiergreifer nimmt er mit, eine Trockenlegungseinheit für das Absaugen giftiger Flüssigkeiten und einen Stromaggregator.

Begleitet von zwei Technikern und einem Baggerfahrer wird der Recycling-Ingenieur des Braunschweiger Unternehmens Keske Entsorgung bald im Kongo landen. Die „mobile Zerlege-Einheit“ will an die Industriemetalle gelangen, die dort in einem ausgemusterten Großflugzeug stecken. Das Abenteuer soll einen ertragreichen neuen Geschäftszweig eröffnen, in dem sich weltweit bisher nur wenige Firmen tummeln.

„Über 6.000 Altflugzeuge werden in den nächsten 15 Jahren stillgelegt“, sagt Jeanvré. Die meisten alten Vögel absolvieren ihre letzten Einsatzjahre in Afrika, Südamerika oder Asien. „Den europäischen Luftraum dürfen die zum Teil gar nicht anfliegen – deshalb nehmen wir sie vor Ort auseinander. Damit heben wir uns von unseren Mitbewerbern ab.“

Vor allem auf das Aluminium aus Rumpf und Tragflächen, auf Stahl, Titan und Kupfer haben es die Rohstoff-Jäger abgesehen. Um 7 Prozent sind die in Euro notierten Preise für solche Industriemetalle seit Jahresbeginn gestiegen – und damit auch der Wert der Materialien, die man aus einem Altflugzeug herausholen kann.

Allerdings kann ein Unternehmen allein die Verwertung nicht stemmen. Deshalb hat sich die Firma Keske mit dem Logistik-Dienstleister Allox, der Technischen Universität Clausthal und weiteren Partnern in der Arbeitsgruppe „More Aero“ zusammengeschlossen. Dort wurde auch der Probelauf der Zerlege-Einheit vorbereitet. Im vergangenen Jahr haben Ingenieur Jeanvré und sein Team eine Boeing 737 zerpflückt – in Malaysia, am Rande des Flughafens von Kuala Lumpur.

Jetzt steht der Ablauf fest: Zunächst werden Bordelektronik, Trieb- und Fahrwerke von eigens lizensierten Luftfahrt-Spezialisten ausgebaut und später an die Flugzeughersteller verkauft. Die Komponenten können nach der Überholung woanders eingebaut werden.

Sitzreihe für Sitzreihe nagt die Trennschere sich durch den Rumpf

Um den so augeschlachteten Flieger kümmern sich Ingenieur Jeanvré und sein Team. Nach dem Absaugen von Kerosin, Hydraulikfüssigkeit und Abwasser reißen sie den Rumpf auseinander. Erst das Heck, um die Windlast herabzusetzen. Dann werden die Flügel bis zum Rumpf gekürzt, anschließend geht es Sitzreihe um Sitzreihe weiter. „Alles in allem brauchen wir dafür eine Woche“, sagt Jeanvré.

Den vorsortierten Schrott verschifft der Logistiker Allox nach Deutschland. Hier wartet die nächste Herausforderung: Die Industriemetalle, die ein Flugzeug zusammenhalten, sind extrem eng miteinander verbunden.

An einem Verfahren, um sie wieder auseinanderzuziehen, arbeitet Daniel Goldmann, Professor am Lehrstuhl für Rohstoffaufbereitung an der Uni Clausthal. „Zunächst müssen wir die Metalle und Legierungen in ihrer Zusammensetzung sauber identifizieren“, sagt der Professor. „Denn in einem Flugzeug finden wir fast das gesamte Periodensystem der Elemente.“

Zwar gibt es ausführliche Dokumentationen der Hersteller. Doch letzte Klarheit bringt erst der Einsatz von Röntgen- und Floureszenz-Geräten. Die voluminöse Technik für diese Analysen steht in einem zweistöckigen Gebäude der Universität. Hier entscheidet sich, wo in der Grundstoff-Industrie der Schrott später verwertet werden kann – ob in Aluminium- oder Kupferhütten, Stahlwerken oder in der Sondermetallurgie.

Zusammen mit anderen Spezialisten entwickeln die Wissenschaftler außerdem ein Recyling-Konzept für die Zukunft: „Auch Kohlefaser lässt sich im Prinzip wiederverwerten“, sagt Goldmann. Schließlich bestehen Großflugzeuge heute zunehmend aus dem Verbundstoff CFK. Noch verkürzt sich die Faser, wenn sie nach der Trennung vom Kunststoff in eine Richtung gekämmt wird.

„Aber es gibt Fortschritte“, stellt Goldmann fest. Und so wird Ingenieur Jeanvré in ein paar Jahren wohl auch Jagd auf Flugzeugteile aus Karbonfaser machen.

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