Hier wird unser Geld verbaut

Wie funktioniert der Bauboom bei der Windenergie? Ein Ortstermin

Walting/Essen. Heiß brennt die Augustsonne auf den Bauplatz. Arbeiter montieren Stahlstangen auf eine Grundplatte. In ein paar Tagen werden 100 Beton-Lastwagen hier ihre Fracht in eine Verschalung spucken. Keine kleine Sache: das Fundament einer Windanlage.

Hier, unweit des Dorfes Walting im idyllischen Altmühltal in Bayern, baut die eigens zu diesem Zweck gegründete Firma „NEW Bürgerwind Walting“ drei Windräder. Jedes 199 Meter hoch. Ab Dezember sollen sie jährlich insgesamt 16 Millionen Kilowattstunden Strom ins Netz speisen – das entspricht dem Jahresverbrauch von rund 4.000 Haushalten.

Walting hat 2.400 Einwohner – und dank Solarzellen, Biomasse und Wasserkraft schon heute 32 Prozent Grünstrom. „Bald decken wir unseren Bedarf voll aus Öko-Energie“, sagt Daniel Bauer, während er die Baustelle inspiziert. Er ist Geschäftsführer und einer von 70 Bürgern, die die Firma mit insgesamt 4 Millionen Euro Kapitaleinsatz gegründet haben.

Weihnachten sollen sich Rotoren drehen

Im acht Kilometer entfernten Eichstätt, wo die Gemeinde ihre Büros hat, sitzt Waltings Bürgermeister Roland Schermer. Im Gemeinderat hat seine Partei, die CSU, sieben Sitze, hinzu kommen sechs für die Freien Wähler und einer für die Grünen. Das Projekt war vier-, fünfmal auf der Tagesordnung – mal mit einer, mal ohne Gegenstimme. „Hier im schönen Altmühltal soll es keinen Wildwuchs bei Windanlagen geben“, versichert Schermer. Deshalb habe man nur sehr wenig Fläche ausgewiesen. „Wir wollten die Räder in Bürgerhand und keine großen Investoren.“




Und doch sind die Windräder von Walting Teil eines nicht nachlassenden Booms – der offensichtlich aus dem Ruder läuft, Unternehmen und Bürger enorm belastet und jetzt mit einer politischen Notoperation neu geregelt worden ist.

Neuanlagen mit 4.000, vielleicht sogar 4.400 Megawatt Nennleistung bundesweit gehen dieses Jahr ans Netz. Das ist viel mehr als die von der Bundesregierung angestrebten 2.500 Megawatt Zubau. Die drei Rotoren in Walting haben jeweils 2,75 Megawatt. „Weihnachten sollen sie sich drehen“, sagt Geschäftsführer Bauer – „dann erhalten wir für jede ins Netz gespeiste Kilowattstunde Strom 8,48 Cent Vergütung. Und das 20 Jahre lang.“

Das ist weit mehr, als in Kraftwerken erzeugter Strom kostet: „Wir haben das Projekt konservativ kalkuliert, auf jährlich 4,5 Prozent Rendite.“ Es ist ein Wettlauf mit der Zeit – denn nach bisheriger Rechtslage wird alle drei Monate neu entschieden, was bei fertigen Projekten als Cent-Vergütung zugesagt wird. Man beeilt sich in Walting. Und baut in ganz Deutschland um die Wette.

Die Differenz zwischen der hohen Ökostrom-Vergütung und dem Marktpreis kommt aus einem großen Topf. 23 Milliarden Euro schwer ist er in diesem Jahr.

252 Euro Umlage für Drei-Personen-Haushalt

Verbraucher und fast alle Betriebe finanzieren die Förderung seit dem Jahr 2000 über die im Erneuerbare-Energien-Gesetz eingeführte „EEG-Umlage“. Sie steigt und steigt – 2017 wohl von 6,35 auf 7,1 bis 7,3 Cent für jede Kilowattstunde verbrauchten Strom, egal aus welcher Quelle. Für einen typischen Drei-Personen-Haushalt macht das dann rund 250 Euro im Jahr.

Bei den Unternehmen mehrt sich der Unmut über die Kostenspirale, berichtet Eberhard von Rottenburg, Energieexperte beim Bundesverband der Deutschen Industrie. „95 Prozent der Firmen zahlen den vollen Strompreis; für viele ist das ein Wettbewerbsnachteil.“ Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat jetzt im Sommer reagiert – und mit Wirkung zum 1. Januar 2017 das EEG-Gesetz reformiert.

Für Anlagen, deren Bau erst danach genehmigt wird, macht der Staat Schluss mit den vorab festgelegten Fördersummen – bei Biomasse-Anlagen ab 150 Kilowatt Nennleistung und bei Wind- und Solaranlagen ab 750 Kilowatt. Die Windräder von Walting haben jeweils 2.750 Kilowatt. Zukünftig müssen sich solche Projekte um Förderung bewerben. Die Zubaumengen werden dann für jede Erzeugungsart einzeln ausgeschrieben; den Zuschlag bekommt, wer den Strom zum günstigsten Preis anbietet.

Das sei ein Schritt in die richtige Richtung, sagt Professor Manuel Frondel vom Wirtschaftsforschungsinstitut RWI in Essen: „Jetzt hält Wettbewerb Einzug und senkt die Kosten.“ Aber die Reform sei noch halbherzig. Noch mehr ließe sich zum Beispiel sparen, „wenn Wind-, Sonnen- und Biomasse-Strom miteinander konkurrieren würden“.

Voll-Last umgerechnet nur 83 Tage im Jahr

Und auch das cleverste Fördermodell ändert nichts an dem technischen Kernproblem, das auch Bürgermeister Schermer sieht: „Windstrom ist nicht grundlastfähig.“ Die Rotoren in Walting werden rechnerisch 83 Tage im Jahr volle Pulle Strom liefern – aber Fabriken, Kliniken und Kühlschränke brauchen den Saft rund um die Uhr.

Das 100 Kilometer nordöstlich von Walting entfernte Kernkraftwerk „Gundremmingen B“, das im Zuge der Energiewende bis Ende nächsten Jahres vom Netz muss, kommt auf gut 300 Tage.

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