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Migration

Wie Finnland die Flüchtlingskrise bewältigt

Tausende Flüchtlinge kamen in den letzten Jahren nach Finnland. Das kleine Land im hohen Norden ist die Herausforderung mit kühlem Pragmatismus angegangen. Mit gutem Erfolg. Was können wir von den Finnen lernen?

Versonnen: Sun May Htoo, einst Flüchtling aus Myanmar, ist jetzt finnische Bürgerin. Foto: Roth

Versonnen: Sun May Htoo, einst Flüchtling aus Myanmar, ist jetzt finnische Bürgerin. Foto: Roth

Harmonisch: Schnappschuss an einer Schule im westfinnischen Sastamala. Jeder dritte Schüler ist hier Migrant. Foto: Roth

Harmonisch: Schnappschuss an einer Schule im westfinnischen Sastamala. Jeder dritte Schüler ist hier Migrant. Foto: Roth

Engagiert: Maarit Tiittanen, Integrationskoordinatorin. Foto: Roth

Engagiert: Maarit Tiittanen, Integrationskoordinatorin. Foto: Roth

Zupackend: Die Iraker Alhareth Ali und Ammar Al-Dulaimi (rechts) lernen den Beruf des „Stone Workers“. Foto: Roth

Zupackend: Die Iraker Alhareth Ali und Ammar Al-Dulaimi (rechts) lernen den Beruf des „Stone Workers“. Foto: Roth

Auf Achse: Kommunalverbandschef Petri Rinne sieht in Migranten eine Chance für die finnische Provinz. Foto: Roth

Auf Achse: Kommunalverbandschef Petri Rinne sieht in Migranten eine Chance für die finnische Provinz. Foto: Roth

Karkku/Sastamala/Helsinki. Man könnte diese Flüchtlingsgeschichte im Elend beginnen lassen, in Not und blanker Verzweiflung. Oder einfach hier: am Rautavesi-See in Karkku, Finnland. An seinem Ufer sitzt an diesem Herbstnachmittag eine junge Frau. Der kühle Wind spielt mit ihren langen, schwarzen Haaren, sie schaut aufs klare Wasser und denkt nach. Über Heimat. Und über Glück. Sun May Htoo schweigt lange, dann: „Glück? Im Sommer mit vollen Händen Blaubeeren pflücken in unseren Birkenwäldern, das ist Glück. Und Heimat ist, wo man dich mit offenen Armen empfängt.“

Ihr ist das so gegangen. Vor ein paar Jahren kam die heute 26-Jährige als Flüchtling aus dem südostasiatischen Myanmar nach Finnland. Heute spricht sie die Sprache, absolviert eine Ausbildung zur Krankenschwester – und ist finnische Staatsbürgerin. Heimat? „Die ist hier. Ich liebe dieses Land!“


In Finnland leben die glücklichsten Migranten der Welt

Finnland also. Das Land der 1.000 Seen. Flächenmäßig kaum kleiner als Deutschland, aber nur 5,5 Millionen Einwohner. Finnland, da denkt man an kalte Winter und heiße Saunen, an endlose Wälder. Aber an Flüchtlinge? Denkt man kaum. Sollte man aber. Denn: Im Jahr 2015 strömten, relativ zur einheimischen Bevölkerung, sogar mehr Asylsuchende nach Finnland als nach Deutschland!

Und seither ist es den Finnen bemerkenswert gut gelungen, die Neuankömmlinge zu integrieren. Auf finnische Weise: „Unaufgeregt, pragmatisch und mit sinnvollen Projekten zur Integration in den Arbeitsmarkt ist man die Dinge angegangen“, urteilt Tobias Etzold, renommierter Skandinavien-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

Wie gut das klappt, belegt auch der aktuelle „World Happiness Report“ der Uno. Der kürte die Finnen nicht nur erstmals zum glücklichsten Volk der Erde. Sondern belegte zudem: In Finnland leben auch die glücklichsten Migranten. Da fragt man sich doch: Wie kriegen die Finnen das bloß hin?

Mischung aus Graswurzelarbeit und Klinkenputzen

Eine Ahnung davon bekommt, wer Maarit Tiittanen einen Tag lang bei der Arbeit begleitet. Mit Karacho jagt sie ihren schwarzen Kombi über die schnurgeraden Landstraßen Westfinnlands. Sie ist Koordinatorin eines Integrationsprojekts, finanziert aus EU-Töpfen, ausgezeichnet von der Europäischen Kommission. Ziel: Flüchtlinge in ländlichen Regionen zu integrieren. Mit Jobs, Wohnungen, sozialen Kontakten. „Ich bin Mädchen für alles, vermittle Arbeitgeber, sorge für Praktika, Sprachkurse, das komplette Programm.“

Über 20.000 Quadratkilometer umfasst Tiittanens Gebiet, 1.500 Migranten leben hier, Afghanen, Iraker, Syrer, Afrikaner. Natürlich gebe es auch in Finnland Vorbehalte gegenüber Flüchtlingen, sagt Tiittanen. „Also muss ich Brücken bauen zwischen den Einheimischen und den Migranten.“ Es gehe um Respekt, um ein gegenseitiges Kennenlernen. „Es ist manchmal zäh, eine Mischung aus Graswurzelarbeit und Klinkenputzen. Aber es funktioniert.“

Tiittanen stoppt ihren Wagen auf dem Schotterparkplatz eines Mittelständlers aus der Steinbranche. Auf dem Hof stapeln sich Granitblöcke, die Firma produziert Steine für Straßen, Gärten und Friedhöfe. 50 Mitarbeiter, ein Großteil Migranten. Tiittanen will nach Ammar Al-Dulaimi und Alhareth Ali sehen, zwei jungen Irakern, die sie vermittelt hat. Herzliche Begrüßung, dann schiebt der 22-jährige Ammar die Schutzbrille hoch. Seit drei Jahren ist er in Finnland, „seit ich hier bin, behandelt mich dieses Land wie einen Sohn“, sagt er. Jetzt will er sich etwas aufbauen „und dem Land was zurückzahlen“.

In den ländlichen Regionen fehlen Arbeitskräfte

Marko Mertala wird das gern hören. „Ohne Migranten wären wir aufgeschmissen“, sagt der Betriebsleiter. Nach drei Monaten dürfen Flüchtlinge in Finnland arbeiten, die Zusammenarbeit mit den Behörden ist unkompliziert, sagt Mertala. „Ich hoffe, ein paar von den Jungs bleiben nach ihrer Lehre hier.“

Gerade in ländlichen Gebieten werden Arbeitskräfte gebraucht. Das weiß auch Petri Rinne, Chef der einflussreichen „Village Action Association of Finland“, einem Dachverband ländlicher Kommunen. „Wir haben riesigen Fachkräftemangel. Migranten sind unsere einzige Chance.“ Rinne ist an diesem Tag auf Stippvisite in der Mensa einer Internatsschule im westfinnischen Sastamala und löffelt Rentiergeschnetzeltes. 30 Prozent der Schüler sind Flüchtlinge, „das läuft völlig unkompliziert“, versichert er. So sei es eigentlich überall im Land. „Sicher gibt es kritische Stimmen, und der islamistische Terroranschlag in Turku hat uns entsetzt.“ Im Sommer 2017 hatte ein marokkanischer Flüchtling dort zwei Frauen erstochen. Aber die Befindlichkeit im Land hat das nicht geändert: Noch immer befürwortet eine klare Mehrheit die Aufnahme von Flüchtlingen.

Pragmatismus sei eben die effizienteste Art, Probleme zu lösen, „gerade in diesem abgelegenen Zipfel Europas. Von Hierarchien halten wir nicht viel, wir setzen auf kurze Dienstwege, schnelle Entscheidungen, gern auf lokaler Ebene.“ Und wenn es manchmal hake zwischen Einheimischen und Flüchtlingen, bleibe noch der urfinnischste aller Rückzugsorte: „Spätestens in der Sauna sind hier alle gleich.“

Geld vom Staat gibt’s nur im Erfolgsfall

Zwar verschärfte Finnland zuletzt das Asylrecht, zudem ist mit der „Blauen Zukunft“ eine rechtspopulistische Partei Teil der Regierung. „In Umfragen aber spielt die kaum noch eine Rolle“, so Experte Tobias Etzold. „Finnen sind konsensorientiert, die Integrationsdebatte läuft weniger aufgeregt als in Deutschland.“ Für Optimismus sorgen neue staatliche Förderpakete, die „Social Impact Bonds“. Agenturen sollen Tausende Migranten per Coaching, Jobtraining und Sprachkursen in Arbeit bringen. Im Erfolgsfall gibt’s Geld vom Staat. Etzold: „Die Finnen sind ziemlich gut darin, solche Anreize zu entwicklen.“

Geholfen habe dem Land die gute Konjunktur, ergänzt der Soziologie-Professor Östen Wahlbeck von der Uni Helsinki. Zwar sind Migranten gerade in Ballungszentren deutlich öfter ohne Job als Einheimische. Insgesamt aber ist die Ausländer-Arbeitslosigkeit zuletzt um 12 Prozent gesunken. Wahlbeck: „Es gibt durchaus viele Erfolgsstorys. Das macht uns Finnen einfach Mut.“

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