Energie-Wende konkret

Wie ein deutsches Kernkraftwerk zerlegt wird


Obrigheim. Es wird gesägt, gehämmert und geflext: Männer in Schutzanzügen wuseln umher. Überall Gerüste, Rohre, Stangen, Schläuche. In Metall-Boxen liegt demontiertes Material, Aufkleber warnen: Radioaktivität!

Die beiden großen Dampferzeuger, die hier früher ihren Dienst verrichtet haben, sind schon weg. Abtransportiert durch eine blaue, haushohe Materialschleuse. Alle großen Teile müssen da durch; was aus dem Reaktorgebäude kommt, wird aus Gründen des Strahlenschutzes streng überwacht.

Der Rückbau dauert einige Jahre

Willkommen im abgeschirmten Herzen des Kernkraftwerks Obrigheim. In dem kuppelförmigen Reaktorgebäude lieferten einst 342 hochradioaktive Brennelemente die Energie für 850.000 Haushalte im Norden Baden-Württembergs.

Manfred Möller wirft ein  Auge auf die Abbauarbeiten. Der Mann mit dem Dosimeter um den Hals ist als technischer Geschäftsführer verantwortlich für den Rückbau, also den Abbruch des ältesten Kernkraftwerks in Westdeutschland. 2005 ging der Meiler vom Netz, nach fast 37 Betriebsjahren. Und der Betreiber, die EnBW Kernkraft GmbH, beantragte beim Landesumweltministerium in Stuttgart den Rückbau.

„Für den Abbruch haben wir einen dreistelligen Millionenbetrag einkalkuliert“, sagt Möller. 190 von ehemals 340 Mitarbeitern sind noch jahrelang beschäftigt. Unterstützt werden sie von Spezialfirmen, den Kraftwerksbestattern.

Es ist nicht der einzige Meiler, der von der Erdoberfläche verschwinden wird. Nachdem es im März 2011 zum GAU – dem „größten anzunehmenden Unfall“ – im japanischen Fukushima gekommen war, läutete die Bundesregierung die Energiewende ein.

Noch im gleichen Jahr mussten in Deutschland 8 von 17 Meilern abgeschaltet werden; 2022 ist die Kernkraft in Deutschland wohl Geschichte.

Insgesamt haben die Energie-Konzerne für ihre 19 laufenden und anstehenden Abrissprojekte 20 Milliarden Euro Rückstellungen gebildet; rechnet man die Kosten für die Endlagerung hinzu, sind es 32 Milliarden Euro.

Die Rückstellungen für den Abriss werden wohl reichen. Das sei „nach derzeitiger Kenntnislage realistisch“, urteilt Gerhard Schmidt, Experte am Darmstädter Öko-Institut. „Die Anlagenbetreiber neigen nicht zur Unterschätzung.“ Zumal hohe Rückstellungen ja auch steuerlich attraktiv seien.

Einfach mit der Abrissbirne einem Kernkraftwerk zu Leibe rücken – das geht allerdings nicht.

Abrissroboter arbeiten unter Wasser

Zuerst wird das Maschinenhaus ausgeräumt, dann ist der nukleare Teil des Meilers dran: das kuppelförmige Reaktorgebäude. Am Schluss geht es in dessen Innern an den Reaktordruckbehälter.

Wegen seiner radioaktiven Belastung wird er zunächst unter Wasser gesetzt. Die Flüssigkeit schirmt die Radioaktivität ab. Anschließend sollen Abrissroboter zum Einsatz kommen. Noch wartet die EnBW aber auf die Genehmigung für diesen Abbauschritt. Beantragt wurde sie 2010. Das Gros der Abbruchteile muss in die Stahlkiste. Rohrleitungen, Anlagenteile und Betonträger – sie werden zerlegt und auseinandergesägt auf die Maße 1,5 x 1 x 1 Meter, damit sie durch die kleine Kistenschleuse passen. Alles wird auf radioaktive Strahlung überprüft.

Zuvor wird das Material dekontaminiert – es wird chemisch behandelt, ins Ultraschallbecken gesteckt oder ganz einfach geschrubbt. Männer in Schutzanzügen machen diese Arbeit. Das Wasser wird verdampft.

Obwohl Obrigheim keinen Strom mehr liefert, ist die Leitzentrale noch rund um die Uhr besetzt. Vor allem wegen der Kühlung der Brennelemente.

Die befinden sich jetzt unter Wasser in einem separaten Trakt neben dem Reaktorgebäude. „Die Brennstäbe würden 15 Castoren füllen“, hat Rückbau-Chef Möller ausgerechnet. Bis zu ihrem Abtransport in ein Endlager müssen sie zwischengelagert werden.

Nur 1 Prozent radioaktiver Müll

Vor Schaltern und Bildschirmen wacht Peter Schenk in der Leitzentrale. Wenn’s irgendwo brennt, die Lüftung ausfällt oder die Wasseraufbereitung, muss der Reaktorfahrer „ruhig Blut“ behalten – und mit seinen Kollegen der Sache auf den Grund gehen. „Bei einem Stromausfall springen zwar sofort Dieselaggregate an“, sagt er: „Aber bei einer Atomanlage gelten besonders strenge Sicherheits-Standards.“

Nach dem Rückbau werden voraussichtlich 2.300 Tonnen radioaktiven Mülls übrig bleiben. „Das ist weniger als 1 Prozent der Abbaumasse von 275.000 Tonnen“, so Möller.

Bis 2020 soll der Rückbau beendet sein. Dann heißt es: Verkauf der leeren Gebäude oder Abriss – vielleicht entsteht ja hier ein Freizeitpark wie in Kalkar. Oder das Gelände wird wieder zur grünen Wiese.

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