Arbeitsmarkt

Wie ehrlich sind die neuen Zahlen?


Ofizielle gibt es jetzt 3,19 Millionen Arbeitslose

Bonn/Nürnberg. Schon bald Vollbeschäftigung? Nur ein Jahr nach der größten Krise in der Geschichte der Bundesrepublik hält Wirtschaftsminister Rainer Brüderle ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen offenen Stellen und Bewerbern für möglich – wie seit den 60er- Jahren nicht mehr.

Ein-Euro-Jobber fallen aus der Statistik

Seine Zuversicht schöpft er nicht zuletzt aus den neuen Meldungen der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. 3,19 Millionen Menschen suchen zurzeit eine Stelle, immerhin 270.000 weniger als vor zwölf Monaten. „Doch diese Zahlen beschreiben nur einen Teil der Situation“, sagt Werner Eichhorst.

Der Experte vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit in Bonn kennt die Schwächen der offiziellen Statistik. Viele, die keine Beschäftigung haben, tauchen dort nicht auf.

Etwa die 1,5 Millionen Teilnehmer an Weiterbildungs- oder anderen arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen. Außerdem Ein-Euro-Jobber und alle, die von privaten Jobvermittlern betreut werden.

Arbeitslose, die älter als 58 Jahre sind und ein Jahr lang kein Jobangebot bekamen, werden ebenso herausgerechnet.

Das geschieht auch mit denen, die sich nicht als arbeitsuchend melden, prinzipiell aber arbeiten würden – sie werden als stille Reserve bezeichnet. Tatsächlich ist die Arbeitslosenzahl also viel höher. Die Job-Bilanz – nur Augenwischerei? „Nein“, sagt Eichhorst, „die Arbeitsmarktstatistik ist in den vergangenen Jahren viel transparenter geworden.“

Kriterien strenger als in anderen Ländern

So macht die Bundesagentur in ihren monatlichen Arbeitsmarktberichten auf die Unterbeschäftigung aufmerksam. Unter dieser Rubrik führt sie auch die Teilnehmer an Weiterbildungen auf.

Damit sind die Zahlen nicht nur genauer als in der Vergangenheit. Die Kriterien für die Statistik sind in Deutschland auch strenger als in anderen Ländern. Die Erwerbslosenquote in den Niederlanden läge zum Beispiel deutlich über den dort offiziell genannten 4,4 Prozent, würden die Maßstäbe der Bundesagentur angelegt.

Und für die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) gilt man schon nicht mehr als arbeitslos, wenn man nur eine Stunde in der Woche beschäftigt ist.

Statistik-Tricks hin oder her – in einem Punkt teilt Eichhorst den Optimismus des Ministers: „Wir können von einem wachsenden Beschäftigungsniveau in den nächsten Monaten ausgehen, auch für Fachkräfte.“

Auf null freilich wird die Zahl der Unbeschäftigten niemals sinken. Das liegt an der sogenannten Sockelarbeitslosigkeit. Dazu zählen laut Eichhorst „Erwerbspersonen, die auf keinen Arbeitsplatz passen“.

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