Einblick

Wie die Griechen sich jetzt fühlen


Begegnungen im Schatten der Akropolis

Athen. Es ist warm geworden, das hat sie rausgelockt. Jetzt liegen sie da, faul in der Mittagssonne, auf den von Millionen Touristensandalen blank gewetzten Pflastersteinen am Fuß der Akropolis in Athen: ein halbes Dutzend Straßenköter.

Faul in der Sonne und nix zu tun – aha, denkt man da doch, typisch Griechenland, machen doch alle da so, egal ob Vier- oder Zweibeiner. Doch wer sich hier umsieht, der lernt: Die Mehrheit der Griechen und die Straßenköter des Landes haben eins gemein – sie kämpfen verbissen um ihr Dasein.

Griechenland also. Horror in Hellas. Drohender Staatsbankrott, Monster-Schulden, Straßenschlachten. Schwindsüchtige Wirtschaft. Und schon wieder ein brutales Sparprogramm: Als Gegenleistung für das neue 130-Milliarden-Euro-Rettungspaket muss das Land allein dieses Jahr 3,3 Milliarden Euro aus dem Etat schneiden.

Das bedeutet: Sinkende Löhne, gekürzte Renten, noch mehr Arbeitslose. Wie kommt man damit klar?

100-Stunden-Woche hinterm Lenkrad

Vielleicht, indem man es verdrängt. So wie Babis Karagiannis, Taxifahrer. „Du darfst nicht darüber nachdenken, sonst gehst du vor die Hunde“, sagt er. Einhändig schlängelt Karagiannis seinen gelben Toyota durch den Athener Verkehr, die rechte Hand ist seit den gewaltsamen Protesten gegen die Sparpläne gebrochen, Taxi fährt er trotzdem, 100 Stunden in der Woche. Um die Lizenz nicht zu riskieren, trägt er statt Gips bloß eine schwarze Schiene. „Ich muss fahren, wir brauchen das Geld, wir brauchen Kleidung für die Kinder, Essen.“

 

Wut auf Europa, auf die EU, auf Deutschland? „Ich bin wütend auf unsere Politiker, das sind Kriminelle, korrupte Betrüger“, schnaubt Karagiannis, während er waghalsig zwischen zwei Vespafahrern durchschießt. „Aber ihr Deutschen, die Merkel, ihr helft uns, damit wir den Euro behalten können.“

Bemerkenswerte Aussage, nach all den populistischen „Ihr griecht nix mehr von uns“-Zündeleien des deutschen Boulevards. Aber vielleicht will er ja auch bloß nett zu uns sein, weil ihm die Kundschaft ausgeht. „Die Leute fahren lieber Bus statt Taxi, hier hat doch keiner mehr Geld.“

Immerhin: Karagiannis hat noch einen Job. Nicht selbstverständlich in einem Land, dessen Wirtschaft aufgrund der Sparmaßnahmen ungebremst ins Tal brettert. Laut griechischer Notenbank dürfte das Inlandsprodukt in diesem Jahr um 4,5 Prozent einbrechen. Das Land wird dann in nur fünf Jahren fast ein Fünftel seiner Wirtschaftsleistung verloren haben.

Folge: eine Arbeitslosenquote von derzeit 21 Prozent. Tendenz steigend, auch weil im Rahmen der aktuellen Sparanstrengungen 15.000 Staatsangestellte sofort entlassen werden sollen – und bis 2015 wohl noch weitere 135.000 folgen werden.

Bei den 15- bis 24-Jährigen sind sogar schon heute 51 Prozent ohne Job. So wie Erato Liarou. Die 23-Jährige sitzt im Wartezimmer des Arbeitsamts im Athener Problemviertel Omonia und wartet, dass ihre Nummer aufgerufen wird.

Auf dem Boden des Amts türmen sich hüfthohe Aktenberge in rostroten Schnellheftern. Der Amtsleiter trägt lässigen Kapuzenpulli, mit ausländischen Journalisten reden mag er aber nicht. „Verboten, von ganz oben“, sagt er und stützt den Kopf kurz in die Hände. Ob er denn Jobs zu verteilen habe? Ein stummes Lächeln.

Er hat keine, das weiß Frau Liarou genau. Zu Weihnachten verlor sie ihren Arbeitsplatz in einem Kaufhaus, seitdem sucht sie. „Meine Chancen sind nicht gut, ich weiß nicht, wie es weitergehen soll.“ Keine Arbeit, wenig Hoffnung, kaum Geld: Unlängst senkte die Regierung das Arbeitslosengeld von 461 auf nur noch 322 Euro im Monat. „Davon soll ich jetzt leben, und ich habe keine Ahnung, wie das gehen soll“, sagt sie.

Damit steht sie nicht allein. An einer sechsspurigen Ausfallstraße nach Piräus sitzt Loukas Skalikaris verloren hinter seinem Schreibtisch im blitzblanken Showroom einer VW-Niederlassung. Um ihn herum zig blinkende Golfs und Passats. Aber kein einziger Kunde.

„Die Reichen zahlen hier doch gar nichts“

„In guten Monaten haben wir früher 100 Autos im Monat verkauft, jetzt höchstens 10“, sagt Skalikaris. Die Folge für den 35-Jährigen: 40 Prozent weniger Gehalt. 680 Euro netto habe er jetzt noch, sagt er. Und fügt etwas überspitzt hinzu: „Das reicht bloß für ein Bier im Park.“

Da säße vielleicht auch Pavlos Martakes ganz gern. Stattdessen steht er am Hafenkai in Piräus und lockt Touristen in ein Kabuff, in dem sie Inselrundfahrten verticken. Er fuhr früher zur See. Jetzt bessert er sich hier die Rente auf. Er ist wütend, er schreit, während seine Gebetskette rotiert: Seine Rente hätten sie schon gekürzt, um 30 Prozent! „Aber die Reichen hier zahlen nichts, keine Steuern, gar nichts.“

Dann macht er eine Pause. Die Griechen seien doch mal die Wiege der Kultur gewesen. Aber jetzt wühlten viele von ihnen morgens in den Mülltonnen nach Essen. „Wie die Straßenhunde...“
 

>> Zum großen Euro-Special: Wie es mit unserer Währung weitergeht

 

Artikelfunktionen


'' Zum Anfang