Kampf ums Überleben

Wie die Energiewende den Stromversorgern das Geschäft verhagelt

In der Krise zu Geld gemacht: RWE hat die Essener Zentrale verkauft und mietet sie nun zurück. Foto: Straßmeier

Berlin/Essen. Um das ganze Ausmaß zu begreifen, reicht schon ein Blick an die Börse. Die Aktien von RWE und Eon, den beiden größten deutschen Energieversorgern, dümpeln seit Monaten dahin – auf ganz niedrigem Niveau. Seit 2011 haben die Papiere die Hälfte ihres Werts verloren, damit haben beide Stromkonzerne zusammen rund 40 Milliarden Euro an Wert eingebüßt.

„Die etablierten Versorger stehen unter schwerem Druck“, schreiben Experten der amerikanischen Unternehmensberatung Boston Consulting Group in einer aktuellen Analyse zu den Folgen der deutschen Energiewende. „Sie erleben eine schwere Störung ihres Geschäftsmodells.“

Es ist nicht lange her, da beherrschten RWE, Eon, EnBW und Vattenfall noch den deutschen Strommarkt. Doch die Kartellwächter interessieren sich nun nicht mehr für sie. Die Marktmacht der großen Versorger sei gebrochen, hat die Monopolkommission festgestellt. Das Gremium berät die Bundesregierung in Wettbewerbsfragen.

Atomausstieg und starker Ausbau der Erneuerbaren verhageln den Unternehmen das Geschäft

In Gang gesetzt wurde die Abwärtsspirale von der Politik. Vor drei Jahren beschloss die Bundesregierung angesichts des Reaktorunfalls im japanischen Fukushima den Ausstieg aus der Kernenergie bis zum Jahr 2022. Eine Entscheidung, die auf einen Schlag die Atomkraftwerke im Land massiv entwertete. Jetzt kämpfen die betroffenen Energiekonzerne vor Gericht um Schadenersatz in Milliardenhöhe.

Zudem verhagelt der politisch getriebene Ausbau der erneuerbaren Energien den Firmen ihr Geschäft mit Gas- und Kohlekraftwerken. „Die Einsatzzeiten und Margen unserer Kraftwerke haben sich massiv verschlechtert“, sagt Peter Terium, Vorstandsvorsitzender von RWE in Essen. Wenn viel Wind- und Sonnenstrom geliefert wird, müssen die Kraftwerke ihre Produktion nämlich drosseln. Zudem drücken Überkapazitäten die Preise auf dem Strommarkt. „Viele Anlagen verdienen nicht einmal die laufenden Betriebskosten“, so Terium.

Immer häufiger ziehen Energieunternehmen deshalb die Notbremse. Bislang wurden rund 50 Kraftwerke zur Stilllegung angemeldet. Und viele kleinere Stromanbieter, darunter Stadtwerke, sind längst in finanzieller Schieflage. Ob alle die Energiewende überleben, ist fraglich. Laut Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers hat die Verschuldung jedes vierten Versorgers einen kritischen Wert erreicht.

Ob Groß oder Klein: Die Luft wird für alle dünner. Bessere Geschäfte mit konventionellen Kraftwerken erwartet nämlich auch für die kommenden Jahre kaum jemand – auch nicht die Analysten von Boston Consulting. Ihre Prognose: „Die Energieversorger werden weiter leiden.“


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