Industrie 4.0

Wie die Chemiebranche den digitalen Wandel anpackt

München. Es führt kein Weg daran vorbei: Das „Internet der Dinge“ und „Industrie 4.0“ durchdringen mit Wucht alle Branchen – auch die Chemie. „Wir leben in der digitalen Revolution“, beschreibt es EU-Digitalkommissar Günther Oettinger. Bei einer Mitgliederversammlung der Bayerischen Chemieverbände in München bringt er auf den Punkt, was die Wirtschaft beschäftigt wie kaum ein anderes Thema: „Wer die Daten hat, hat die Macht!“

Wer verliert und wer gewinnt, entscheidet sich in diesem Jahrzehnt

Die Chemie-Unternehmen haben in der Vergangenheit bereits Milliarden Euro in die Automatisierung und Informationstechnologie investiert – und so die Produktqualität gesteigert und die Kosten gesenkt. Doch jetzt geht es um mehr als Prozesse und Technologien, mahnt Oettinger.

Es geht um die Bündelung und Auswertung von Daten, aus denen neue Geschäftsideen entstehen – auch Dienstleistungen. Die Nase vorn hätten jene, die als Erste aus den Daten etwas machten: „Daten sind der Rohstoff der Zukunft!“, ruft der Digitalkommissar in die Runde.

Die Mehrzahl der Unternehmer hat bereits erkannt: Es lohnt sich, Daten in Echtzeit zu generieren, in Produkte und Prozesse einzubinden und entlang der Wertschöpfungskette zu vernetzen. Das folgert die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers aus ihrer jüngsten Studie. Die Experten erwarten, dass die Chemie- und Pharma-Industrie, aber auch andere Branchen wie Kosmetik oder Lebensmittel, ihren sogenannten „Digitalisierungsgrad“ von 21 Prozent im vergangenen Jahr auf 77 Prozent im Jahr 2020 steigern. Oettinger mahnt zur Eile: „Wer Verlierer und wer Gewinner wird, entscheidet sich in diesem Jahrzehnt.“

Aktuell prüft zum Beispiel der Pharma- und Chemiekonzern Bayer in Leverkusen gemeinsam mit dem Spezialchemie-Konzern Evonik in Essen Hunderte Ventile in Produktionsanlagen. Gemessen wird, wann sie Schwächen zeigen. „Die Rechner werten die gesammelten Daten dann aus“, sagt Bayer-Manager Thorsten Pötter, „und so können wir den Betrieb der Anlagen besser steuern.“ Gleichzeitig erfahren die Hersteller der Ventile, wo Verbesserungen sinnvoll wären.

Mithilfe digitaler Systeme können Betriebe also künftig große Datenmengen erheben, verarbeiten und auswerten: über Produktionsprozesse, aber auch über Lieferanten und Kunden. „Wir müssen und werden genau prüfen, welche Chancen und Herausforderungen die Digitalisierung für uns bieten kann“, sagt Uwe Liebelt, Leiter Papierchemikalien beim Chemiekonzern BASF. „Die Bandbreite möglicher Modelle reicht vom digitalisierten Chemiekonzern bis zum Marktführer für digitale Geschäftsmodelle in der Chemie.“

Die Ausgangsposition der Branche ist gut: „Die chemische Industrie ist eine Prozessindustrie mit hohem Automatisierungsgrad“, weiß Dirk Meyer, Geschäftsführer beim Bundesarbeitgeberverband Chemie in Wiesbaden. „Sie arbeitet schon heute sehr ausgeprägt mit digitalisierten Technologien und Echtzeitdaten.“

Doch die Europäer sollten auf der Hut sein, sagt Oettinger. Die USA hätten bereits einen großen Vorsprung: „Das Internet für und von Konsumenten haben wir bereits an sie verloren.“

EU-Binnenmarkt mit gemeinsamem Netz

Das dürfe bei der Vernetzung der Produktion samt den darauf basierenden Dienstleistungen nicht passieren: „Nichts gegen die Amerikaner, die uns wichtige Partner sind“, sagt Oettinger. „Aber wir dürfen nicht zum Juniorpartner werden.“ Er kämpft deshalb für einen europäischen Binnenmarkt mit gemeinsamem Netzausbau und einheitlichem Datenschutz.


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