Erdgasförderung

Wie das umstrittene Fracking funktioniert


Söhlingen. Träge hängt ein Windsack vom Mast, Bienen summen, über dem Platz flirrt die Hitze. Betriebsleiter Jochen Kaliner geht auf das schwarze Rohr zu, das in der Mitte aus der Erde ragt, steigt auf das Stahlpodest, checkt die Ventile. „Alles okay“, brummt er. „Das ist elektronisch überwacht hier, dennoch gucken wir alle zwei, drei Tage nach. Reine Routine. Passiert ist hier noch nix.“

Erdgasförderung in Deutschland. Eigentlich nichts Besonderes, doch hier geht es um eine Bohrung, die mithilfe des umstrittenen Frackings aufgeschlossen wurde. Starke Kompressoren pressten vor zehn Jahren mit viel Wasser tief unter dem Bohrplatz Risse ins Gestein, weil das Erdgas anders als bei herkömmlicher Förderung nicht von selbst hochströmt. Seitdem spuckt das schwarze Rohr hier beim niedersächsischen Dorf Söhlingen Erdgas ins Versorgungsnetz.

Auf dem Bohrplatz „Söhlingen Z15“ des Energieunternehmens ExxonMobil im Dreieck von Bremen, Hamburg und Hannover ist längst Alltag, worüber zurzeit gestritten wird: Erdgasförderung durch Fracking. Die Kritiker sorgen sich ums Trinkwasser, seit Bilder brennenden Wassers aus dem US-Film „Gasland“ um die Welt gingen. Und die Befürworter, bei energieintensiven Firmen etwa, hoffen auf mehr und preiswertes Gas – wie in den USA.

Dort hat Fracking die Förderung in nur fünf Jahren auf rund 700 Millionen Kubikmeter Gas pro Tag versiebenfacht, den Preis um zwei Drittel gedrückt und den Strom billiger gemacht. Energiehungrige Firmen investieren und Tausende Jobs entstehen. Hierzulande dagegen stöhnen Betriebe unter hohen Strom- und Energiekosten.

Wäre so ein Gasboom hier auch möglich? Wenn es einer weiß, dann der Geologe Stefan Ladage, der für die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover das Potenzial in einem Gutachten kalkuliert hat. In einer Halle der BGR beugt er sich mit Kollegen über Kerne von Bohrungen. „Typisch“, erklärt der Mann in Karohemd und Jeans: „Diese Schieferschicht ist Erdgas führend.“

Bundesweit enthalten die Vorkommen satte 13 Billionen Kubikmeter des umweltschonenden Energieträgers, schätzt der Wissenschaftler. „10 Prozent davon sind nach heutigem Stand technisch gewinnbar.“ Damit könnte man Deutschland zehn Jahre mit Erdgas versorgen.

Inzwischen protestieren jedoch rund 30 Bürgerinitiativen gegen die Pläne, wie Hartmut Horn von der Initiative „Frackloses Gasbohren“ berichtet: „Wir fordern ein sofortiges Verbot des Frackings.“ Sorgen machen den Kritikern die 5.000 Kubikmeter Wasser, Sand und Chemikalien (zwei Olympia-Schwimmbecken voll), die die Kompressoren in zwei Stunden bis zu 5.000 Meter in die Tiefe pressen, damit das Gestein das Erdgas freigibt.

Die Chemikalien benötigt man unter anderem, damit das Wasser den Sand gut transportiert, der die Risse fürs Gas freihält. Bis zu 2 Prozent dieser zum Teil umweltgefährlichen Stoffe enthält die Frac-Flüssigkeit. Damit nichts ins Grundwasser gelangt, dichten mehrere Lagen Stahlrohr und Zement das Bohrloch ab. Und der Bohrplatz ist wasserdicht versiegelt.

Mittlerweile tüfteln Forscher aber an ungefährlichen Mixturen, sagt Harald Kassner, Chemiker bei ExxonMobil. „Noch 2013 sollten wir im Labor so weit sein.“ In Wasserschutzgebieten, bei Mineral- und Heilquellen wird ohnehin nicht gefrackt.

1.000 Meter Sicherheitsabstand zum Grundwasser einhalten

Und was ist mit den Rissen tief unten in der Erde? „Die lassen sich kontrollieren“, sagt Geologe Ladage. „Zum Grundwasser sind zudem 1.000 Meter Sicherheitsabstand vorgeschrieben.“ Bei den bisher 324 Fracks in den letzten 52 Jahren hierzulande gab es noch keine Belastung des Trinkwassers.

Umstritten ist, wie man mit der zurückfließenden Frac-Flüssigkeit und dem schadstoffbelasteten Wasser – das bei jeder Gasförderung mit hochkommt – umgehen soll. Derzeit pumpt man sie über Leitungen zu Bohrstellen, wo sie zurück in die Tiefe gepresst werden. Schon dreimal kam es zu Rohrlecks. Aus Sorge ums Grundwasser fordert Kritiker Horn daher: „Das Verpressen muss gestoppt werden.“ Die Uni Hannover tüftelt nun an Verfahren zur Wiederaufbereitung.

Einen kritischen Blick auf die Methode hat auch das Umweltbundesamt in Dessau. „Strenge Auflagen“ fordert die Behörde. Experte Ladage erhofft sich davon mehr Akzeptanz: „Wenn man die Vorschriften beachtet, alles geologisch gut untersucht und sorgfältig vorgeht, ist Fracking kontrolliert und sicher machbar.“ Doch seit 2011 liegen alle Anträge auf Eis, auch die für Erkundungsbohrungen im Schiefergestein, bemerkt Exxon-Chemiker Kassner. Man wolle wenigstens erkunden. „Bis zur Förderung dauert es dann eh noch Jahre.“

So funktioniert Fracking

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