Technik und Computerspiele

Wie bayerische Unternehmen virtuelle Welten für sich nutzen

München/Giebelstadt. Monster jagen, Diamanten suchen, die Prinzessin retten: Die Hälfte der Deutschen daddelt gern – am Mobiltelefon, auf Konsolen, an Tablets und am PC, so der Hightech-Verband Bitkom in Berlin. Nicht nur Teenies, immer mehr Erwachsene vertreiben sich die Zeit mit Spielen wie Super Mario, Minecraft oder mit den Sims. Jetzt erobern die Games sogar die Industrie. Denn die Technik, die hinter den Online-Abenteuern steckt, lässt sich sinnvoll im Betrieb einsetzen.

„Im Spiel und mit Unterstützung digitaler Geräte fällt manches leichter“, so Thorsten Unger, der Geschäftsführer des Bundesverbands der deutschen Games-Branche. Zum Beispiel Produkte entwerfen, Fertigungsstraßen planen, Anlagen warten und Mitarbeitern Neues beibringen.

„Am Bildschirm kann man schwierige Dinge ausprobieren“, so der Spiele-Experte. „Und aus Online-Pannen lernen, bevor es rausgeht in die echte Welt.“ Gerade die Industrie sei ein idealer Einsatzort. „Die Simulationen zeigen sehr gut, wie ein Produkt hergestellt wird und wie es funktioniert.“

„Gamification“, das Übertragen des Spielerischen in die echte Welt, diesem Trend folgen viele Unternehmen in der bayerischen Metall- und Elektroindustrie. Nicht nur in der Weiterbildung, auch in der Fertigung setzen die Betriebe zum Beispiel „Serious Games“ ein. Sie machen Spaß und vor allem ein ganzes Stück schlauer. Die Technik und viele solcher Spiele werden im Freistaat entwickelt, wie unsere drei Beispiele zeigen.

1. Metaio verknüpft Daten am Bildschirm mit der echten Welt

Präzise müssen die Arme und Greifer der Industrieroboter von Kuka in Augsburg arbeiten. Bevor die gelenkigen Gesellen in den Werkhallen der Kunden aufgestellt werden, werden sie am Computer in die Anlage eingepasst. Damit später keine Maschine der anderen ins Gehege kommt, wird die Aufnahme des künftigen Einsatzorts mit den CAD-Daten des Roboters verglichen. „So erkennt man auf einen Blick Probleme, die man am Schreibtisch leicht übersieht“, sagt Peter Meier, der Technik-Geschäftsführer von Metaio. Die Münchner Firma hat die Technik für Kuka entwickelt.

Die bayerische Firma mit 130 Mitarbeitern sowie Büros in China und den USA ist einer der weltweit führenden Anbieter von Verfahren für erweiterte Realität (Englisch: Augmented Reality). „Damit lassen sich komplexe Dinge einfach darstellen und schnell begreifen“, so Meier. Bilder aus der echten Welt werden mit digitalen Informationen verknüpft.

Das ist mehr als Spielerei: In der Industrie greifen vor allem die Automobil-Hersteller auf das Verfahren zurück. Den Ingenieuren von Audi in Ingolstadt hilft es, kleinste Abweichungen zwischen digitalem Modell und fertigem Prototyp aufzuspüren. Eine Spezial-Kamera zeichnet das Innere des Wagens auf und vergleicht es mit den Daten aus der Konstruktion. So stellen die Entwickler sicher, dass eins dem anderen entspricht.

Wo kommt das Kühlmittel rein? Was ist los, wenn oben links das rote Warnlämpchen blinkt? Auto-Besitzer bekommen dank der Technik digitale Hilfe. Man hält die Handy-Kamera ans Armaturenbrett oder in den Motorraum. Eine App analysiert das Bild und spuckt die gesuchten Informationen aus.

Die Technik kann noch mehr: Für Ikea entwarf Metaio eine App, mit der man Tische und Sofas aus dem Katalog im eigenen Wohnzimmer „zurechtrücken“ kann – am Bildschirm! Und wer im Lego-Laden einen Bausatz Klötzchen scannt, sieht das fertige Modell: zum Beispiel einen gelben Bagger. Er hebt die Schaufel und rollt munter auf der virtuellen Baustelle hin und her.

2. Siemens zeigt den richtigen Energiemix im Online-Game

Locker und mit Spaß, so versteht man Technik leichter. Im „Power Matrix Game“ präsentiert der Siemens-Konzern seine Anlagen für das Energiegeschäft. In dem Online-Spiel hat man als Energiemanager die Aufgabe, zuerst ein Dorf, dann eine wachsende Stadt mit Strom zu versorgen. Biomasse-, Gas- und Dampfturbinenwerk, Sonnenenergie und Wind, alles erscheint nach ein paar Klicks in dem selbst gebauten Mini-Reich. „Das Spiel zeigt, wie verschiedene Arten der Energie-Erzeugung zusammen funktionieren“, so das Unternehmen. Erst der richtige Mix sorgt für sichere Versorgung mit Strom – wie im echten Leben.

Das Spiel hat Zigtausende Fans, auch in Amerika. „Die Eifrigsten klicken fast täglich rein“, so Ralph Stock, Geschäftsführer von Serious Games Solutions in Potsdam, dem Entwickler des Browserspiels, das 2014 den Deutschen Preis für Onlinekommunikation gewonnen hat. „Wir setzen aufwendige 3-D-Grafiken und Animationen ein“, erklärt Stock. „Damit alles aussieht wie echt.“ Weht ein kräftiger Wind, dreht sich das Windrad am Bildschirm schnell.

3. HandyGames entwickelt nun auch Fitness-Spiele

Spiel, Spaß, Spannung auch in der Freizeit: Das kann der Mittelständler HandyGames aus Giebelstadt bei Würzburg. Sein Geschäft sind Spiele fürs Mobiltelefon, finanziert von eingebauter Werbung. Vor gut zehn Jahren gegründet, zählt die Firma mit 50 Mitarbeitern seitdem mehr als 100 Millionen Downloads ihrer Spiele.

Und neuerdings kommen Online-Welt und echtes Leben zusammen – und zwar am Handgelenk. Mit Spielen für sogenannte Fitnessuhren (Smart Watches), wie sie jetzt zuhauf unterm Christbaum lagen. 2014 wurden rund 18 Millionen Stück verkauft, 2015 sollen es laut der Marktforscher von Gartner bereits 21 Millionen sein. „Ein junger Markt, wir sind vorn dabei“, sagt Udo Bausewein, der kaufmännische Leiter von HandyGames. Das kleine Display der Uhren sieht der Spiele-Entwickler aus Franken nicht als Problem. „Die Anzeige auf den ersten Mobiltelefonen war auch nicht größer.“

Das ist neu: Wer nicht nur daddelt, sondern sich zwischendurch bewegt, wird belohnt. Für 1.000 getane Schritte, die ein Zähler misst, gibt’s etwa im Abenteuerspiel „Guns ’n’ Glory Heroes“ von HandyGames ein Leben mehr. Einen dicken Bonus für mehr Bewegung verspricht das neue Online-Autorennen, das gerade in Giebelstadt ausgetüftelt wird: ein paar Runden zu Fuß draußen um den Block und schon ist der Tank wieder voll.


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Von wegen Daddeln macht dumm: Eine wissenschaftliche Studie zeigt sogar, dass Vielspieler einen höheren IQ als Nichtspieler haben. AKTIV hat dazu eine Wissenschaftlerin interviewt.

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