Neue Arzneien machen Hoffnung

Wie Ärzte mit Entwicklungen aus den Pharma-Labors ernste Krankheiten bekämpfen

Köln. Cholera, Pocken und Typhus: Noch unsere Großeltern fürchteten solche Seuchen – wir kennen sie zum Glück nur noch dem Namen nach. Heute kann man sogar mit Aids alt werden, mit der Zuckerkrankheit sowieso. Dazu tragen moderne Arzneien kräftig bei. Wie wir Krankheiten in Zukunft noch besser bekämpfen werden, darüber sprach AKTIV mit fünf Professoren.

1. Moderne Methoden im Kampf gegen Krebs

Allein hierzulande erkranken rund 500.000 Menschen jährlich an Tumoren. Aber: „Wir können heute über die Hälfte aller Krebspatienten heilen!“ Das sagt Professor Ulrich Keilholz, kommissarischer Direktor des Krebs-Zentrums der Berliner Uni-Klinik Charité. „Mitte der 80er-Jahre gelang das nur bei jedem dritten Kranken.“ Diese Entwicklung ist ein Erfolg von besserer Vorsorge, moderner Chirurgie – und neuen Arzneien.

Die attackieren den Krebs mit raffinierten Methoden, etwa mit Antikörpern, wie sie auch die menschliche Immunabwehr bildet. Forscher des Pharma-Konzerns Roche haben solch einen Antikörper mit einem Zellgift gekoppelt, um fortgeschrittenen Brustkrebs zu bekämpfen: „Der Antikörper bringt das Chemotherapeutikum zielgenau in die Tumorzellen, die dann von innen zerstört werden“, erklärt Keilholz. Das sei viel wirksamer als die klassische Chemotherapie und habe deutlich weniger Nebenwirkungen.

Andere Mittel, etwa zwei neue Arzneien von Roche und Glaxo-SmithKline gegen bösartigen Hautkrebs, greifen in die inneren Signalwege der Krebszellen ein. Und blockieren dort das unkontrollierte Wachstum. Insgesamt sind zurzeit geschätzt 800 Wirkstoffe gegen Krebs in der Entwicklung. Charité-Professor Keilholz ist zuversichtlich: „In Zukunft werden die Patienten gut und möglichst lange mit dem Tumor leben können.“


2. Stärkere Bremse für Multiple Sklerose

Trotz MS leistungsfähig: Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Foto: dpa
Trotz MS leistungsfähig: Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Foto: dpa

Neue Medikamente verlangsamen die Multiple Sklerose (MS) stärker als bisher – wenn die Krankheit in Schüben verläuft. Und das trifft auf 90 Prozent der bundesweit etwa 150.000 Betroffenen zu. Während eines MS-Schubs greift das eigene Immunsystem Nerven im Gehirn und im Rückenmark an, was manchmal zu schwerer Behinderung führt.

„Neue Präparate verringern die Zahl der Schübe um 50 bis 70 Prozent im Jahr“, sagt Professor Paul Wiendl, Direktor der Klinik für Allgemeine Neurologie in Münster. Damit sind sie doppelt so wirksam wie ältere Präparate.

Zwei neue Arzneien müssen Kranke nicht mehr spritzen, sondern können sie bequem als Tablette nehmen. Und bei einem neuen Mittel vom Hersteller Sanofi genügt sogar eine Infusion pro Jahr: „Das ist vermutlich die wirksamste MS-Arznei momentan“, so Wiendl. Weitere Präparate dürften folgen. Zurzeit werden weltweit etwa 160 neuartige Therapien getestet.

3. Spritze gegen Osteoporose

Auch das hilft gegen Osteoporose: Krafttraining stärkt die Knochen. Foto: Fotolia
Auch das hilft gegen Osteoporose: Krafttraining stärkt die Knochen. Foto: Fotolia

Eine starke Arznei-Neuheit gibt es auch für die 6,3 Millionen Osteoporose-Kranken in Deutschland, die meisten von ihnen sind Frauen. Bei ihnen nimmt die Knochensubstanz schleichend ab, wodurch es leichter zu Brüchen kommt. Mit dem neuen Medikament vom Hersteller Amgen haben sie eine einfache Alternative zu anderen vorbeugenden Mitteln. „Die Arznei spritzt man alle sechs Monate unter die Haut, wie eine Impfung“, berichtet Professor Peyman Hadji von der Uni-Klinik Marburg. „Das funktioniert wunderbar.“

Und die meisten Kranken bleiben bei dieser neuen Therapie. Bei herkömmlichen Medikamenten mit umständlicherer Anwendung dagegen geben sieben von zehn Patienten die Behandlung binnen eines Jahres auf.

Große Hoffnungen weckt zudem ein weiterer Ansatz, entdeckt bei Südafrikanern mit einem Erbgut-Defekt. „Diese Menschen können ein bestimmtes Eiweiß nicht bilden und haben deshalb sehr starke und harte Knochen“, erklärt Hadji. „Mithilfe von Antikörpern imitiert man diesen Effekt bei Osteoporose-Patienten.“ Die beiden Arzneien der Hersteller Amgen und Lilly könnten stärker sein als bisherige Mittel, so Hadji. „Das wäre eine Revolution.“ Noch aber laufen die klinischen Untersuchungen.

4. Neuer Anlauf bei Antibiotika

Verdacht auf Tuberkulose: In Schwellenländern ist sie auf dem Vormarsch. Foto: dpa
Verdacht auf Tuberkulose: In Schwellenländern ist sie auf dem Vormarsch. Foto: dpa

Gefährliche bakterielle Krankheitserreger kann man jetzt besser bekämpfen. Ein neues Präparat von AstraZeneca hilft gegen Lungenentzündung, eine Arznei von Astellas Pharma gegen Darminfektionen.

Fünf weitere neue Antibiotika dürften bald folgen, so der Verband Forschender Arzneimittelhersteller. Zudem sind erstmals seit über 20 Jahren zwei Tuberkulose-Mittel im behördlichen Zulassungsverfahren: Die Antibiotika-Forschung kommt neu in Fahrt. Nach zehn Jahren Abstinenz steigt ­Roche wieder ein. Und Sanofi will mit Forschern der Fraunhofer-Gesellschaft seine Naturstoff-Sammlung mit über 150.000 Mikroorganismen auf Wirkstoffe absuchen.

Seit 2012 fördert die EU die Forschung an den oft lebensrettenden Medikamenten. Das ist auch dringend nötig, so die Biochemie-Professorin Helga Rübsamen-­Schaeff, die in ihrer Firma Aicuris selbst an neuen Antibiotika forscht: „Wir müssen unsere Anstrengungen steigern.“ Denn immer häufiger seien Bakterien gegen Antibiotika resistent und machten selbst in Krankenhäusern Probleme.

5. Besserer Schutz für Herzkranke

Blutgerinnsel sind gefährlich, weil sie zu Schlaganfällen führen können. Nun gibt es gleich drei neuartige Gerinnungshemmer: Sie bieten Herzkranken mit Vorhof-Flimmern „den gleichen oder besseren Schutz vor Blutgerinnseln als das bisher eingesetzte Marcumar“, berichtet Professor Philipp Stawowy vom Deutschen Herzzentrum in Berlin. Ständige Tests zur Justierung der Dosis seien nicht mehr nötig.

Entwickelt haben diese Blutverdünner die Firmen Boehringer Ingelheim, Pfizer und der Bayer-Konzern. Zwar gebe es eine Diskussion über vermehrte Blutungen durch die neuen Präparate, jedoch spreche das Nutzen-Risiko-Profil bei den meisten Patienten zugunsten der neuen Mittel, so Stawowy.

Hoffnung gibt es auch im Kampf gegen die Arterienverkalkung: Zwei Antikörper-Präparate der Unternehmen Sanofi und Amgen steigern den Abbau von Cholesterin durch die Leber. „Man spritzt sie zweimal im Monat – und schon sinkt der Cholesterin-Spiegel deutlich“, berichtet der Herzspezialist. Diese neuen Mittel stecken aber derzeit noch im klinischen Härtetest.

Fakten

Foto: dpa
Foto: dpa

15 Millionen Euro pro Tag für die Forschung

  • Die Pharma-Industrie ist sehr innovativ. In den letzten beiden Jahren brachten die Unternehmen in Deutschland 51 Arzneien mit neuen Wirkstoffen auf den Markt.
  • Allein die im Verband Forschender Arzneimittelhersteller zusammengeschlossenen 45 großen Pharma-Hersteller investierten im Vorjahr geschätzt 5,5 Milliarden Euro in die Entwicklung neuer Wirkstoffe. Damit steckten sie jeden Tag rund 15 Millionen Euro in die Forschung!
  • Bundesweit gibt es 854 Pharma-Firmen mit 110.000 Mitarbeitern. Sie stellten im vergangenen Jahr nach vorläufigen Zahlen Arzneimittel im Wert von fast 29 Milliarden Euro her, das sind rund 60 Prozent mehr als im Jahr 2000.
  • Die Branche ist ein wichtiger Exporteur: Zwei Drittel ihres Geschäfts erwirtschaften die deutschen Arzneimittel-Hersteller mit der Ausfuhr rund um den Globus.

Artikelfunktionen


Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:

'' Zum Anfang