Den Faden verloren

Weshalb die Textilbranche schwächelt


Berlin/Stuttgart. Wenn sich etwas tut in der Textil- und Bekleidungsbranche, dann weiß Marcus Jacoangeli es ganz sicher. Zurzeit aber ist es schwer, einen Trend auszumachen. „Seit Monaten beobachten wir eine klassische Seitwärtsbewegung.“ So nennt der Volkswirt, beim Gesamtverband Textil + Mode in Berlin zuständig für Konjunkturdaten und Statistik, den Stillstand. Zwar verzeichnet die deutsche Wirtschaft insgesamt ein Wachstum. Das kommt auch der Textilbranche zugute. Dennoch schaut sie unsicher in die Zukunft.

Impulse für Umsatzwachstum fehlen

Anfang des Jahres sah das anders aus. Da hatte der Verband seine Mitglieder nach ihrer wirtschaftlichen Lage gefragt: Durchaus positiv, war die Antwort. Ein Umsatzplus von 3 Prozent schien möglich.

Doch diese Einschätzung ist überholt: Bis Ende Juni schafften die rund 1.200 Textil- und Bekleidungsunternehmen lediglich 0,9 Prozent mehr an Umsatz als im Vergleichszeitraum 2011. „Für mehr fehlen einfach die Impulse“, stellt Jacoangeli fest. Das zeigen die aktuellen Zahlen.

• Export geht zurück:

Die Auslandsnachfrage ist als Wachstumsmotor ausgefallen. Bis Mai gingen im Vergleich zum Vorjahr die Ausfuhren in der Bekleidungsbranche um 3 Prozent zurück, so der Branchenverband GermanFashion in Düsseldorf.

Grund: Die wichtigen europäischen Modemärkte in Italien, Frankreich und Spanien schwächeln wegen der Finanz- und Euro-Krise. Ähnliches berichten die Textilbetriebe. Insgesamt gingen die Ausfuhren in die EU, mit Abstand der wichtigste Exportmarkt der Branche, um 6 Prozent zurück. Zwar schauen die Hersteller von technischen Textilien immer noch positiv in die nähere Zukunft. Aber ein wachsender Teil der Betriebe merkt mittlerweile die Krise der europäischen Autobauer.

Der Rückgang beim Export konnte auch nicht durch das Asiengeschäft aufgefangen werden. China beispielsweise wächst langsamer als vorausgesagt. „Das Land war 2011 für die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie der am schnellsten wachsende Importeur – und der schwächelt jetzt auch“, gibt Verbandsstatistiker Jacoangeli zu bedenken.

• Inlandsumsatz schwach:

Die Konsumenten sparen bei der Kleidung. „Sie sind extrem kritisch, was den Preis angeht“, so der Verbandsstatistiker. Wegen der gestiegenen Preise, etwa für Baumwolle, wurden Pullover und Hosen um gut 3 Prozent teurer. Prompt fiel bis Juni der Umsatz im Bekleidungseinzelhandel um mehr als 2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

• Kosten sind hoch:

Energie bleibt Preistreiber. Schon im nächsten Jahr müssen die Unternehmen mit einem kräftigen Preisschub bei den Stromkosten rechnen. Experten schätzen, dass die EEG-Umlage (Erneuerbare-Energien-Gesetz) auf mehr als 5 Cent pro Kilowattstunde steigt. Sie wird noch im Oktober neu festgelegt.

• Beschäftigung steigt:

Das überraschende Plus von gut 2 Prozent bei den Arbeitsplätzen gegenüber 2011 ist der guten Konjunktur der Vergangenheit zu verdanken. Jacoangeli mahnt: „Das muss nicht so bleiben.“ Derzeit arbeiten rund 120.000 Menschen in diesem Wirtschaftszweig.

Noch sind die Unternehmen zufrieden. „Aber sie werden zunehmend unsicherer“, fasst Georg Saint-Denis, Präsident von Südwesttextil in Stuttgart und Chef von Global Safety Textiles, einem Hersteller von Airbag-Gewebe, die Stimmung in der Branche zusammen. Die Zahl derer, die von steigenden Umsätzen ausgingen, sei nach dem ersten Halbjahr um 21 Prozent zurückgegangen.

Es fehlt der zündende Funke für den Konjunkturmotor. Den hat Jacoangeli auch in den neuesten Zahlen nicht gefunden.

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Schlagwörter: Textil Konjunktur

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