So versorgt uns die neue Ostsee-Pipeline mit Erdgas

Werden wir jetzt zu abhängig vom Gas-Lieferanten Russland?


Zug (Schweiz). Der Druck fällt! Wieso fällt denn jetzt der verdammte Druck? Oleg Zakharov muss reagieren, cool bleiben, er packt den Telefonhörer. Am anderen Ende: Wyborg, russische Ostseeküste. Zakharov bellt Anweisungen, legt auf, lehnt sich in seinem Drehstuhl zurück und dreht sich um. „No problem!“ Er grinst.

Bürstenschnitt, Kasernenton, all die Monitore – Zakharov könnte glatt als russischer U-Boot-Kapitän durchgehen. Doch sein Arbeitsplatz liegt nicht unter Wasser. Sondern im vierten Stock eines Bürogebäudes in der schweizerischen Kleinstadt Zug.

Gas für 26 Millionen Haushalte in Europa

Heikel ist Zakharovs Job trotzdem. Und wie! Denn von Zug aus überwacht der Anlagen-Operator mit seinen Kollegen das größte Infrastrukturprojekt Europas: die Ostsee-Pipeline. Sie führt vom russischen Wyborg bis ins mecklenburgische Lubmin. Und durch sie strömt, was Deutschland braucht wie die Luft zum Atmen – russisches Erdgas! Bestimmt für unsere Heizungen, die Stromproduktion, die Industrie.

Vor einem knappen Jahr hat der erste Strang der 1.224 Kilometer langen Untersee-Pipeline den Betrieb aufgenommen. Und nun, just in diesen Tagen, wird das in der Schweiz ansässige Betreiber-Konsortium „Nord Stream“ auch durch eine zweite Röhre Gas gen Deutschland schicken.

Jährliche Gesamtkapazität des neuen Lindwurm-Doppels: 55 Milliarden Kubikmeter Gas. Das entspricht dem Bedarf von 26 Millionen Haushalten! Paul Cocoran, Finanzdirektor bei Nord Stream, ist Feuer und Flamme: „Wir haben die größte Offshore-Pipeline der Welt gebaut!“

Für Operator Zakharov im Hauptkontrollzentrum in Zug bedeutet das: noch mehr Stress. „Ich checke ständig Gasdruck, Qualität und Temperatur in der Pipeline, wenn was nicht stimmt, greife ich von hier aus ein, wie vorhin“, sagt Zakharov. Das Ziel der Mühe: „Genug Gas für Europa.“

Rohstoff Erdgas: Gut 100 Milliarden Kubikmeter davon verfeuert Deutschland derzeit pro Jahr. Nach Angaben der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover sind wir damit fünftgrößter Verbraucher der Erde. Problem: Weil Deutschland aber nur einen Bruchteil des Bedarfs aus eigener Förderung decken kann, braucht es Importe.

Der Löwenanteil davon kommt aus Russland (siehe Grafik). Geht es nach den Vorstellungen der Betreiber, soll die neue Pipeline gar eine wichtige Schlagader im Kapillarsystem des gesamteuropäischen Gaskreislaufs werden. „Von der Anlandestation in Lubmin wird das Gas mit regionalen Versorgungsleitungen über den Kontinent weiterverteilt“, erklärt Nord-Stream-Finanz­direktor Cocoran.

Nicht alles also, was in Lubmin ankommt, ist auch für uns bestimmt. Neben Deutschland zählen künftig auch die Niederlande, Tschechien und Großbritannien zu den ­Abnehmern.

„Wichtiger Beitrag zur Energiesicherheit“

Beeindruckend ist die lange Leitung allemal: Rund 2,5 Millionen Tonnen Stahl wurden für die beiden Stränge verbaut, über 200.000 Rohre verlegt, über 10 Millionen Arbeitsstunden geleistet. Zwei Jahre lang arbeiteten drei der größten Verlegeschiffe des Planeten ohne Pause an dem 7,4 Milliarden Euro schweren Mammut-Projekt. Für Cocoran zumindest steht fest: „Diese Pipeline ist so gewaltig, sie wird einen wichtigen Beitrag zur Energiesicherheit in den kommenden Jahrzehnten leisten.“

Gut gebrüllt. Nur: Stimmt das auch? Oder macht die Ostsee-Pipeline Deutschland und die Europäische Union nur noch abhängiger vom Gaslieferanten Russland?

Klar ist: Der Gas-Hunger der Europäer wird immer größer. Importierten die EU-Staaten 2009 noch 312 Milliarden Kubikmeter Erdgas, werden es nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur in Paris im Jahre 2030 bereits 523 Milliarden sein. Einerseits, weil Erdgas als Brückentechnologie auf dem Weg ins Zeitalter der erneuerbaren Energien immer gefragter wird. Andererseits aber auch, weil die EU-eigenen Felder in der Nordsee mehr und mehr versiegen.

„Somit wird der Anteil des russischen Erdgases wohl weiter zunehmen“, prognostiziert Harald Enduleit, Energie-Experte bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe.

Großes Gasangebot dämpft den Preis

Da ist die Befürchtung plausibel: dass Russland als Monopolist irgendwann fröhlich an der Preisschraube drehen könnte. Und wir Mondpreise zahlen müssen, um unsere Wohnung zu heizen.

Doch Experten geben vorerst Entwarnung: „Dank neuer Fördertechniken gibt es derzeit ein Überangebot an Gas, was die Preisentwicklung abmildert“, sagt die Energie-Ökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Und auch Wissenschaftler Enduleit betont: „Deutschland und die EU können ihr Gas auch aus dem Nahen Osten und Nordafrika beziehen.“

Beim Ostsee-Pipeline-Betreiber Nord Stream dagegen setzt man offensichtlich voll auf die deutsch-russische Achse. Nach Firmenangaben laufen bereits Machbarkeitsstudien für einen dritten und vierten Pipeline-Strang auf dem Grund der Ostsee.

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