Unwetter

Wenn die Natur zuschlägt


Die Meteorologen machen viel Wind ums Wetter – und das ist für die Wirtschaft enorm wichtig

Offenbach. Donnerwetter – was für ein Gigant! Das Superhirn des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in Offenbach besteht aus über 200 schwarzen Schränken so groß wie Telefonzellen. Es ist einer der schnellsten Rechner Europas.

Würden alle sieben Milliarden Menschen auf dem Globus in jeder Sekunde 1.000 Rechenschritte machen, wären sie immer noch langsamer als „SX-9“. Dieser Computer braucht nur drei Stunden, um aus Millionen von Daten aus aller Welt das Wetter von morgen vorherzusagen. Für jeden Punkt der Erde!

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1 Euro Kosten – 20 Euro Nutzen

Allein SX-9 hat 30 Millionen Euro gekostet. Das Jahresbudget des DWD beträgt 250 Millionen Euro. Viel Geld. Doch es ist gut angelegt. Nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) in Genf bringt jeder Euro für die Prognose bis zu rund 20 Euro Nutzen.

Als AKTIV Ende Januar den Wetterfröschen über die Schulter schaut, ist es frostig kalt. An diesem Tag macht es ihnen Petrus schwer. Am Mittag scheint die Sonne, doch wie lange noch?

Olaf Pels Leusden, der diensthabende Chef-Meteorologe, kontrolliert seine Bildschirme: „Alles hängt jetzt vom Tief über Frankreich ab.“ Sollte es sich am Abend bis in die Region Frankfurt ausdehnen, gäbe es hier nachts und am frühen Morgen keinen Frost mehr. Ansonsten bestünde Glatteisgefahr. Etwas später herrscht Klarheit: Es wird wärmer. Eine Unwetterwarnung ist deshalb nicht nötig.

Ob Orkan, Starkregen, extreme Hitze oder eben Glatteis: Pro Jahr gibt Offenbach rund 30.000 Warnungen heraus – an Zeitungen, Fernseh- und Radiosender sowie per Internet. Das ist der Job von Ansgar Engel. Hin und wieder spricht er auch schon mal vor laufender Kamera. Zuletzt war Engel bei einem Sturm im vergangenen Herbst auf Sendung.

Aber wehe, er und seine Kollegen liegen falsch. „Dann kriegen wir mächtig was auf die Mütze“, sagt Pressesprecher Gerhard Lux. Eine Glatteiswarnung zum Beispiel ist nicht nur für Autofahrer wichtig. Der Winterdienst der Straßenmeistereien rückt dann aus und auch die Flughäfen streuen vorsorglich.

Dass der DWD so viel Wind macht, ist für viele Branchen wichtig. Laut Genfer WMO sind 80 Prozent der Wirtschaft vom Wetter abhängig. Die Turbulenzen bekommt auch die Bahn zu spüren, deren Slogan aus den 60er-Jahren („Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“) allenfalls noch ein Schmunzeln auslösen dürfte. Als der DWD letzten Dezember Orkane für die Nordseeküste ankündigte, sperrte die Bahn ihre Autozüge über den Hindenburgdamm für Gefahrguttransporter und leere Lastwagen.

Trotz Unwetterwarnung raus auf die raue See

2007 raste Super-Orkan Kyrill mit seiner zerstörerischen Kraft über Deutschland, verwüstete im Sauerland mehr Wald als irgendein Sturm je zuvor: Vier Millionen Festmeter Holz fielen ihm zum Opfer. Kyrill wütete so stark, dass die Bahn den Fernverkehr komplett einstellte – zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte. Dank Unwetterwarnung kamen viele früher von der Arbeit heim.

Landwirte schauen besonders aufs Wetter: Erst stöhnten sie im vergangenen Frühjahr über extreme Trockenheit, dann regnete es oft tagelang, als sie im Sommer ihre Ernte einfahren wollten.

Für die Luftfahrt sind präzise Vorhersagen überlebenswichtig – bei starken Gewittern etwa ändern die Piloten ihre Route. Und bei der Seefahrt stellen hohen Wellen ein Risiko dar. Trotz Unwetterwarnung hatte der Frachter „Bremen“ im Dezember den Hafen verlassen. Ein Orkan drückte ihn an die Küste der französischen Bretagne.

Radarsystem für noch bessere Vorhersagen

Doch einige Unwägbarkeiten bleiben trotz Vorhersage. Im Herbst brachte Starkregen einen Hang bei Sankt Goar ins Rutschen, Geröll fiel auf die Rheinstrecke, und ein Intercity entgleiste. Zum Glück kam niemand zu Tode.

Bald dürften die Prognosen noch besser werden. Dank eines neuartigen Radarsystems. Es soll selbst lokale Extremwettervorhersagen.

Info:

Das vergangene Jahr fiel aus dem Rahmen: zu trockenes Frühjahr, zu nasser Sommer, Sonnenrekorde im November. 44 witterungsbedingte Katastrophen waren die Folge. Die Schäden summierten sich laut des Versicherungsunternehmens Munich Re auf rund 200 Millionen Euro. Das ist – relativ gesehen – wenig: Im Rekordjahr 2002 waren es 19 Milliarden Euro.

 

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