Bayern hebt den Datenschatz

Welche Vorteile der Einsatz von „Big Data“ für die Metall- und Elektrounternehmen bringt

Fotos: iStock (2); Montage: Roth

München. 2,4 Millionen Suchanfragen bei Google, 2,8 Millionen abgespielte Videos bei Youtube und 20 Millionen Whatsapp-Nachrichten. So viele Daten flitzen um die Welt – in einer Minute! Dazu kommen Millionen von Messwerten, aus Forschungslaboren und auch aus vernetzten Maschinen.

„Big Data“ nennt man dieses wachsende Meer an digitalen Informationen. Die Menge verdoppelt sich im Schnitt etwa alle zwei Jahre. Wird sie schlau durchforstet, werden daraus verwertbare Ergebnisse für die Wirtschaft und Wissenschaft. Viele bayerische Firmen haben längst erkannt, welcher Schatz da vergraben liegt. Und sie sind dabei, ihn zu heben.

Die gesammelten Informationen sind wichtig im Wettbewerb

„Es gibt kaum Geschäftsprozesse, die sich nicht durch die Nutzung von Daten verbessern lassen“, sagt Alexander Thamm, Geschäftsführer der gleichnamigen Data-Science-Beratung in München. Er präsentierte seine Firma auf dem Kongress des Zukunftsrats der Bayerischen Wirtschaft zu Big Data (hier geht’s zum Beitrag). Das von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) ins Leben gerufene Expertengremium diskutierte dort, was neuartige Analyseverfahren bringen können und welche Voraussetzungen man dazu schaffen muss.

Der Zukunftsrat stellte fest: Big Data durchdringt alle Technikfelder, die für den Freistaat wichtig sind. Von Biotech über Energietechnik bis zur intelligenten Fertigung. Zudem hat das Nutzen digitaler Informationen erheblichen Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Bayern und seiner Unternehmen.

Anbieter wie Thamm befassen sich bereits damit. Das vor knapp vier Jahren gegründete Start-up, das heute 50 Mitarbeiter beschäftigt, unterstützt Kunden aus vielen Branchen mit seinen Analysen, hat schon Hunderte von Projekten gestemmt. Geschäftsführer Alexander Thamm und sein Team sorgen dafür, dass aus Daten echter Nutzen wird. Etwa bei der vorausschauenden Wartung von Maschinen oder Wagen.


Oft helfen spezielle Algorithmen, Daten miteinander zu verknüpfen und darin bestimmte Muster zu erkennen. So wissen Energieversorger etwa schon im Voraus, wie viel Strom sie wo und wann bereitstellen müssen. Und die Kreditabteilung der Bank entscheidet innerhalb von Sekunden, welchen Betrag sie einem Kunden leiht.

„Die Daten sind zwar im Überfluss vorhanden – doch an sie heranzukommen, ist nicht immer einfach“, so der Firmenchef. „Sie zusammenzufassen, ähnelt mitunter einer Schnitzeljagd.“ Und weil es dafür noch wenige Experten auf dem Arbeitsmarkt gibt, bildet Thamm seine eigenen Berater aus: die „Data Scientists“. In dem einjährigen Programm lernen die Trainees Informatik, Mathematik, Statistik und Betriebswirtschaft.

Damit erfüllt das Unternehmen eine wichtige Aufgabe, die der Zukunftsrat für die Vorreiterrolle Bayerns identifiziert hat: das Sichern von Fachkräften. Es bedeute vor allem auch, vorhandene Fachleute gezielt aus- und weiterzubilden. Leichter werden soll auch der Weg für Neugründungen. Unternehmen und Hochschulen müssten noch enger zusammenarbeiten, um Bayern in der Erforschung von Datenanalysen und deren Anwendung nach vorne zu bringen.

Kleinunternehmen und Mittelständler zögern noch

Noch ist Big Data vor allem eine Spielwiese der großen Unternehmen. BMW etwa unterhält dazu seit Jahren eine eigene Abteilung. Sie hat schon 50 Beispiele ausgemacht, wie sich die großen Datenmengen für die Auto-Industrie nutzen lassen. Die Branche zählt zu den fortschrittlichsten. In der Produktion von Fahrzeugteilen generieren Computer unzählige Informationen, auch in den Autos selbst stecken viele Sensoren. Big Data eben! Mit entsprechender Auswertung der Daten lassen sich viele Abläufe optimieren, von der Entwicklung über die Logistik und Fertigung bis hin zum Kundenmanagement.

Mit seinem Projekt „Mindsphere“ spielt auch der Siemens-Konzern bei Big Data mit. Die Lösung für die Industrie, in der geschützten Datenwolke der „Cloud“, ist seit Juli auf dem Markt. Sie hilft Industriebetrieben beim Sammeln und Auswerten von Daten. Über eine Box schließt die Kundenfirma beliebig viele Maschinen an die Plattform an – die Informationen werden in einem Rechenzentrum ausgewertet und grafisch aufbereitet. So kann beispielsweise der Energieverbrauch eines Werkzeugs angezeigt und optimiert werden.

Das ist erst der Anfang. Selbst ganz neue Geschäftsmodelle können aus Big Data entstehen. Wie bei Gämmerler in Geretsried. Der Anbieter von Anlagen für die Druck-Industrie hat aus der Cloud-Lösung von Siemens ein eigenes Angebot für seine Kunden entwickelt. „Wir sehen jederzeit den Status der Anlagen und erkennen früh Probleme“, erklärt Jörg Westphal, der Geschäftsführer von Gämmerler. Durch die zeitnahe Datenauswertung kann die Firma rechtzeitig einen Monteur schicken, der das Problem behebt. So lassen sich Verschleiß und Produktionsausfälle vermeiden.

Gerade von solchen Neu- und Weiterentwicklungen in Big-Data-Anwendungen verspricht sich der Zukunftsrat viel. „Das müssen wir fördern“, lautet seine Empfehlung. Die Hoffnung: Durch Kooperationen lassen sich auch kleine und mittelständische Unternehmen eher auf diese neuen Technologien ein. „Wir müssen sie gezielt ansprechen und vernetzen“, so der Rat. „Gerade der Mittelstand braucht konkrete Entscheidungshilfen und Tools zur Umsetzung.“

Mondlandung und Märchenschloss

Manche Anbieter machen die große Datenwelt auch ihren Kunden außerhalb der Industrie schmackhaft. Wie „Time in the Box“ in München. Der Spezialist für Virtual-Reality-Programmierung schafft es, digitale Informationen so zu bündeln, dass man mit der Datenbrille zum Beispiel eine Mondlandung miterleben oder im Märchenschloss Neuschwanstein umherspazieren kann, ohne sich in natura an diesen Ort zu begeben.

Big Data hat großes Potenzial. Doch noch zögern viele, dies auszuschöpfen. Hürden gibt es etwa beim Datenschutz, wie eine Umfrage der vbw ergeben hat. Der Zukunftsrat empfiehlt, rechtliche Klarheit zu schaffen, dabei aber genug Raum für technologische Entwicklungen zu lassen. So könne man den Datenschatz heben – und Bayern auch bei Big Data an der Spitze positionieren.

Info unter: vbw-zukunftsrat.de

Service: M+E-Verbände helfen bei Big Data

München. Mancher technische Fortschritt wird erst durch Digitalisierung und Big Data möglich. Die bayerischen Metall- und Elektroarbeitgeberverbände bayme und vbm unterstützen ihre Mitgliedsunternehmen darin, die Chancen zu nutzen und ihr Know-how auszubauen.

  • „QuickChecks“ zu Digitalisierung und Datensicherheit: Ein von der Technischen Universität München entwickelter „QuickCheck digitale Transformation“ hilft Betrieben, die Anforderungen für den Einsatz neuer Technologien einzuschätzen: Auf Basis eines Online-Fragebogens wird ermittelt, inwieweit die nötigen Voraussetzungen im Betrieb vorhanden sind. Vor Ort werden die Ergebnisse vorgestellt, es folgen Empfehlungen für nächste Schritte, und die Firmen können sich mit anderen Teilnehmern vergleichen. Ein weiterer QuickCheck beurteilt den Stand bei Datenschutz und -sicherheit. Und im Herbst startet der „QuickCheck digitale Produktion“, der Anforderungen an Technik, Beschäftigte und Organisation beleuchtet.
  • Veranstaltungsreihe „Perspektiven M+E“: Welche neuen Geschäftsmodelle durch digitale Transformation möglich sind, zeigt eine regionale Veranstaltungsreihe des Servicecenters Informationstechnologie der Verbände. Vertreter aus Wissenschaft und Mitgliedsfirmen geben anhand von Beispielen Einblick in die Praxis. Start ist im Herbst.
  • Weiterbildung für die Industrie 4.0: Über das Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft werden Weiterbildungen zur digitalen Arbeitswelt angeboten, etwa das Modul „Cyber Security Basiswissen“ oder eine zertifizierte Weiterbildung für Facharbeiter der Industrie 4.0.
  • Leitfäden zur digitalen Arbeitswelt: Mobiles Arbeiten, neue Vertragsmodelle in der Industrie 4.0, Datenschutz sowie digitale Produktion und Arbeitswelt: Das sind Themen, mit denen sich aktuell mehrere von den Verbänden herausgegebene Leitfäden befassen.
  • Firmenübergreifende Forschung an der TU München: Die Verbände engagieren sich auch in der Forschung. Mit der TU München wurde die Gesellschaft für unternehmensübergreifende Auftragsforschung (KME GmbH) gegründet. Sie widmet sich mehreren Forschungsvorhaben zur Digitalisierung.

Mehr zum Thema:

Bayerische Betriebe müssen die Chancen von Big Data nutzen. Was dafür notwendig ist, skizzierte der Zukunftsrat, ein Expertengremium aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, auf einem Kongress in München.

Professor Wolfgang A. Herrmann, Präsident der Technischen Universität München und Co-Vorsitzender des Beratergremiums, erklärt, wo der Freistaat stark ist. Und was zu tun ist, damit es so bleibt.

Digitalisierung und Globalisierung verändern Geschäftsmodelle und Gesellschaft rasant. Damit Bayern ein Wirtschafts- und Technologiestandort ersten Ranges bleibt, wurde der Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft gegründet.

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