Standpunkt

Weh dem, der lügt


Unser Land erlebt eine bedenkliche Entwicklung: Wird Schummeln normal?

Der Volksmund muss schiefgelegen haben: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht – und wenn er auch die Wahrheit spricht“? Im Deutschland des Jahres 2011 hat ein anderes Sprichwort Konjunktur: „Einmal ist keinmal.“

Es liegt wohl nicht nur an den Nachrichten aus Japan und Libyen, dass unser Land die Guttenberg-Affäre so schnell abhakt. Schon machen Parteigänger Stimmung für die Wiederkehr des enttarnten Hoffnungsträgers. Und die Grundsatzfrage steht weiter im Raum: Ist Wahrhaftigkeit teilbar?

Die ganz hohe (Kanzler-Ebene!) Politik sah das so: Wer einen Doktorhut erschleicht, unter anderem mit einer falschen ehrenwörtlichen Erklärung, der soll zwar nicht zum wissenschaftlichen Assistenten taugen – wohl aber zum Verteidigungsminister.

Und im Bundestag kam die treudoofe Einlassung zum Vortrag, wie sie von Wirtshausschlägern vor dem Königlich Bayerischen Amtsgericht überliefert ist: „Und dann stieß sein Kopf gegen meinen Bierseidel ...“ Die Abschreiberei, so der Doktor, sei ihm passiert wie eine Schusseligkeit.

Die Personalie ist gelöst, das Problem bleibt. Erhebliche Teile des Volkes scheinen die Personalbeurteilung der Regierungschefin zu teilen: Karl-Theodor zu Guttenberg habe zwar bei der Doktorarbeit geschummelt, aber die Arbeit als Minister „hervorragend erfüllt“.

Dagegen gibt es sachliche Einwände – so hat er zwei untadeligen ranghohen Soldaten und einem Staatssekretär die Laufbahn abgeschnitten, weil er falschen Medienberichten glaubte, und die positiven Aspekte der Bundeswehr-Reform sind einem wirklich hervorragenden Spitzenbeamten zu danken.

Vor allem aber gibt es da einen grundsätzlichen Einwand. Oppositionsführer Sigmar Gabriel

formuliert ihn so: Gesetzesverstöße in einem Bereich und Leistungen in anderen Bereichen dürften „in einem Rechtsstaat“ nicht gegeneinander aufgewogen werden. Das greift entschieden zu kurz. Statt „im Rechtsstaat“ muss es „im Leben“ heißen.

Das Schummler-Geschäft blüht just in dem Maße, wie wir das, was dummerweise ans Tageslicht geraten ist, als Einzelfall in einem Einzelbereich verharmlosen. Und partout nicht sehen wollen, dass er Bände spricht: lebensbereichsübergreifend!

Wir sollten das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Und als heilsame Regel vielleicht auf den Titel eines Theaterstücks des österreichischen Nationaldichters Franz Grillparzer zurückgreifen: „Weh dem, der lügt!“

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