Skandale: Der falsche Reflex

Wegen Amazon wird jetzt wieder über Zeitarbeit geschimpft – zu Unrecht


Essen. Was kam nicht alles ans Licht: langes Warten in der Kantine, das von der Pause abgezogen wird, Wohnungen und Mahlzeiten, die zu wünschen übrig lassen, mangelnde Sicherheitskleidung – und ein Security-Dienst mit Verbindungen zur rechten Szene, der die Mitarbeiter einschüchtert. Arbeitsbedingungen bei Amazon in Deutschland.

Eine ARD-Reportage über Amazon-Versandzentren hat jetzt eine neue Debatte über die Zeitarbeit entfacht – denn der weltgrößte Onlinehändler heuert die meisten Beschäftigten über Personaldienstleister an. Die ganze Branche haftet mit. Zu Unrecht.

Drehtürklausel, Lohnuntergrenzen, Branchenzuschläge

„Amazon bewegt sich außerhalb dessen, was ich in der Zeitarbeit für den Arbeitsmarkt als richtig empfinde“, sagt Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit. Nichts von dem, was hier als Missstand aufgedeckt wurde, hat mit dem Prinzip Zeitarbeit zu tun. Das funktioniert so: Man ist bei einer Firma wie Randstad, Adecco oder Manpower angestellt, sozialversicherungspflichtig und zu 80 Prozent unbefristet, aber in einem „Entleihbetrieb“ eingesetzt. Es gelten alle Verordnungen zu Arbeitszeit und Arbeitsschutz.

Dass Amazon und Zeitarbeit gedanklich in einer Schublade landen, sei auch Ausdruck eines allgemeinen Imageproblems, meint Daniel Baumgarten vom Essener Wirtschaftsforschungsinstitut RWI. „Trotz der Änderungen in der jüngeren Vergangenheit – es bleibt für die Zeitarbeit eine Herausforderung, als attraktive Branche für Arbeitnehmer wahrgenommen zu werden.“

Seit 2011 verhindert eine „Drehtürklausel“ im Arbeitnehmerüberlassungsgesetz, dass Personal entlassen und über eine Zeitarbeitsfirma im selben Betrieb zu schlechteren Bedingungen eingestellt wird. Seit Januar 2012 gibt es Lohnuntergrenzen. Und seit November die ersten „Branchenzuschläge“: So gibt es in der Metall- und Elektro-Industrie nach sechs Wochen 15 Prozent und nach 9 Monaten 50 Prozent mehr Geld.

„Die Zuschläge haben uns harte Preisverhandlungen mit unseren Kunden beschert, werden jedoch letztlich auf breiter Front akzeptiert“, sagt Thomas Bäumer, Vizepräsident des Bundesarbeitgeberverbands der Personaldienstleister. Zwar gehe die Nachfrage zurück, aber wohl eher wegen der gesamtwirtschaftlichen Lage.

RWI-Experte Baumgarten glaubt: Das ist nicht das Ende der Fahnenstange. „Vermutlich wird es verstärkt darauf ankommen, dass Zeitarbeitsfirmen in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter investieren. Auch um sich im Wettbewerb mit anderen Modellen der flexiblen Beschäftigung als Partner der Unternehmen zu behaupten.“

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