Ernährung

„Was steckt in unserem Essen?“


Ortstermin mit einem Lebensmittel-Kontrolleur

Stuttgart. Er kommt unangemeldet. „Guten Tag. Endemann, Lebensmittelüberwachung, Stadt Stuttgart!“ Der Mann schaut streng über seine Brillengläser und hält seinem Gegenüber den Dienstausweis unter die Nase. AKTIV begleitete den Lebensmittel-Kontrolleur Christian Endemann einen Tag lang bei seiner Patrouille.

Nach dem Fund von Dioxin in Eiern und Schweinefleisch, nach der Sperrung Tausender Bauernhöfe, machen sich viele Verbraucher Sorgen: Was können wir noch essen? Schließlich werden in Lebensmitteln immer wieder Stoffe entdeckt, die da nicht reingehören. Reste aus Pflanzenschutzmitteln, Schwermetalle, Schimmel und Bakterien.

Bewaffnet mit Stempel und Tüten

Danach fahnden Spezialisten wie Endemann – bei Lebensmittel-Herstellern, im Handel und in der Gastronomie. Heute nimmt der 38-Jährige ein Feinkostgeschäft in der City unter die Lupe. „Ich darf doch mal einen Blick in die Kühltheke werfen!“, sagt er mit einem Ton, der keinen Widerspruch zulässt.

Endemann hält sein Thermometer in einen Kochschinken und stellt fest: „Der ist zu warm.“ Er weist den Verkäufer an, den Schinken etwas tiefer in der Vitrine zu platzieren, wo die Luft kühler ist.

Akribisch inspiziert der gelernte Koch jeden Winkel im Laden – bewaffnet mit verschließbaren Plastiktüten, Kühltaschen, Stempel und Formularen. Seine Bilanz: „Hier ist alles in Ordnung.“

Dann schnell weiter. Endemann ist für rund 300 Betriebe zuständig, darunter Restaurants, Großküchen, Kantinen, Metzgereien, Bäckereien. Hinzu kommen Veranstaltungen und Feste. Und die werden jährlich mehr.

Insgesamt müssten Endemann und seine 17 Kollegen 11.000 Unternehmen in Stuttgart prüfen. „Wir schaffen aber nur die Hälfte“, sagt Thomas Stegmanns. Er leitet das örtliche Veterinäramt und ist Endemanns Chef.

Der Kontrolleur nimmt inzwischen in einem Supermarkt eine Flasche Knoblauch-Essig aus dem Regal. „Die schicke ich zur Untersuchung ins Labor“, sagt er. Dabei geht es nicht nur um Verunreinigungen, sondern auch um Schadstoffe wie Dioxin.

Arbeit unter Polizeischutz

Wie oft Endemann in einem Betrieb auftaucht, hängt von drei Faktoren ab: von der Empfindlichkeit der Ware, der Größe des Geschäfts und von der Kunden-Zielgruppe. Wer zum Beispiel Babynahrung herstellt oder damit handelt, muss besonders häufig mit Besuch von der LebensmittelAufsicht rechnen.

Oft kann diese jedoch ihr Tages-Soll nicht erfüllen. Denn täglich kommt es zu Sondereinsätzen nach Verbraucher-Beschwerden. „Wenn Menschen erkranken, gehen wir noch am selben Tag in den entsprechenden Betrieb“, so Amtsleiter Stegmanns. Nicht selten kommt ein Tierarzt mit oder die Polizei.

Mit Hochdruck wird die Ware anschließend im Labor untersucht. Schon 48 Stunden später liegt das Resultat vor. Bei Routine-Kontrollen dagegen – wie der von Endemann einkassierten Essigflasche – dauert es sechs Wochen.

Aufschlussreiches Ergebnis: Doppelt so häufig wie eine zu hohe Schadstoff-Konzentration wird eine bakterielle Verunreinigung festgestellt. In der Statistik des Bundesamtes für Verbraucherschutz nahm sie den zweiten Platz ein (siehe Grafik in der Bildergalerie).

Schmutz und Bakterien: Darin sieht Endemanns Chef ein besonders großes Risiko. „Ich habe mehr Respekt vor Salmonellen als vor Dioxin“, sagt Veterinär Stegmanns.

Behörde gibt Entwarnung

Also alles nur heiße Luft um das Dioxin? Stegmanns erklärt, dass wir Dioxin aufgrund der Umweltbelastung gar nicht vermeiden können. „Panschereien aber werden strafrechtlich verfolgt, und jeder Hersteller ist verpflichtet, die Schadstoff-Belastung so ge- ring wie möglich zu halten.“

Und wir können damit leben, wie das Bundesamt für Risikobewertung feststellt. Es gab Entwarnung nach dem Wirbel um das Dioxin in Eiern. „Aus meiner Sicht müssen sich die Verbraucher keine Sorgen machen“, so der Präsident der Behörde, Professor Andreas Hensel.

Dazu, dass es so bleibt, tragen in ganz Deutschland Spezialisten wie Christian Endemann bei. Der steuert gerade eine Pizzeria an. Nicht, um zu kontrollieren: „Jetzt ist erst mal Mittagspause.“

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