Preisverfall

Was kost' denn hier 'ne Kiste Bier?


Der Typ ist TV-Kult: Immer sonntagabends quasselt sich „Dittsche“ alias Olli Dittrich als schräger Frittenbuden-Philosoph quer durch die Ereignisse der Woche. Treibstoff für Dittsches wirres Hirn: knapp drei Pullen Bier pro Sendung. Und die dauert bloß 30 Minuten ...

Dittsche und seine Druckbetankung – Suchtexperten oder Betriebsärzte dürften da spontan Kopfschmerzen bekommen. Vielleicht aber hat sich Dittsche ja auch nur eine seiner skurrilen „Welt-Ideen“ in den Schädel gesetzt: Allein gegen die ewige Ebbe auf dem  Biermarkt anzupicheln.

Genug zu tun hätte er da. Seit Jahren nämlich vergeht den Deutschen zunehmend die Lust aufs kühle Blonde. 110 Liter Bier pro Nase süffelten wir letztes Jahr durchschnittlich. Klingt viel. Aber Mitte der bierseligen 70er-Jahre waren es 150 Liter.

Die Folge des versiegenden Bierdursts ist ein glasharter Kampf der Bierbrauer um Marktanteile. Und der läuft, zur Freude des Kunden, vor allem über den Preis. Bier, lange Zeit argwöhnisch behütetes deutsches Kulturgut, wird derzeit zu Spottpreisen verramscht: Eine Kiste Pils gibt’s schon ab 4 Euro.

Pakt mit dem Teufel

Die Hersteller liefern sich derzeit eine regelrechte Mengen- und Preisschlacht“, sagt der Branchenexperte Robert Brunner vom Fachmagazin „Braumanager“. Und die läuft so: Weil auch große Brauereien seit Jahren unter sinkenden Absatzzahlen leiden, schließen sie Verträge mit Discountern wie Netto, Norma oder Plus ab. Die nehmen den Herstellern große Mengen ab, verschleudern das Bier anschließend als billige Hausmarke.

Für die Traditionsbrauer eigentlich ein Pakt mit dem Teufel. Denn: Zwar halten sie mit dem Discounter-Deal ihre Produktion hoch. Auf der anderen Seite aber kannibalisieren sie so ihre eigenen Marken. „Es rächt sich schnell, wenn manche Brauereien ihr Bier nahezu unter Einstandspreis abgeben“, mahnt Marc-Oliver Huhnholz vom Deutschen Brauer-Bund.

Von der Penner-Plörre zum Marktführer

Doch dass man mit Billig-Gerstensaft durchaus auch erfolgreich sein kann, macht seit Jahren die bayerische Oettinger-Brauerei vor. Einst als Penner-Plörre oder Kopfschmerz-Brause verpönt, hat sich das Unternehmen mittlerweile zur größten deutschen Brauerei gemausert.

Ohne TV-Werbung oder Sponsoring, dafür aber mit ausgeklügelter Logistik. Und einer Hightech-Produktion, die nach Unternehmens-Angaben nicht einmal halb so viel Strom frisst wie die anderer Großbrauereien.

Oettinger-Kästen sind einheitlich blau, die Kronkorken unbedruckt, all das spart Kosten. „Ich hole jeden Cent raus“, sagt Senior-Chef Günther Kollmar. „Kosten, die nicht entstehen, müssen wir auch nicht weitergeben.“ 2009 verkauften die Bayern 6,6 Millionen Hektoliter Bier. Oft ist die Kiste für 3,99 Euro zu finden, mehr als 6 Euro kostet sie nie.

In Bierlaune Brauerei gegründet

„Die Stärke von Oettinger ist vor allem eine Schwäche der anderen“, sagt Rudolf Böhlke, Experte bei der Beraterfirma Ernst & Young in Stuttgart. Die Premium-Marken seien sich unter dem Druck des schrumpfenden Biermarkts immer ähnlicher geworden. „Und wenn Marken nicht mehr unterscheidbar sind, gewinnt die Billigste. Bier wird immer seltener als etwas Wertvolles vermarktet.“

Vielleicht muss man ja genau das einfach wieder tun.

In Dortmund zumindest geschieht seit ein paar Jahren  genau das. In einer, haha, Bierlaune gründete der Biologe Thomas Raphael dort 2006 die Brauerei „Bergmann Bier“. „Wir wollten ein gutes, handwerklich gebrautes Bier oberhalb des Premiumsegments anbieten. Und die Tradition Dortmunder Biere wiederbeleben“, erklärt Raphael seine Idee. Die ging auf wie Hefe: Mit 60 Hektolitern startete man, nun peilt Raphael 7.000 pro Jahr an. „Manchmal werden uns die Kästen fast aus den Händen gerissen.“ Trotz eines Preises von fast 3 Euro. Pro Liter, nicht Kasten!

Biermarkt-Profis hatten Raphael übrigens dringend von der Brauerei-Gründung abgeraten: „Die sagten, das klappt nie, kauf dir lieber ‘ne Jacht.“ Und was hätte Dittsche wohl dazu gesagt? „Brauerei gründen? Welt-Idee!“, vielleicht.

1.300 Brauereien kämpfen um den Durst

Der deutsche Biermarkt gilt als einer der vielschichtigsten auf der ganzen Welt. Insgesamt zählte der Deutsche Brauer-Bund 2009 rund 1.300 Braustätten zwischen Flensburg und Füssen.

Zusammen stießen diese nach aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes rund 100 Millionen Hektoliter Bier aus. Das waren knapp 3 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Der meiste Gerstensaft wurde im vergangenen Jahr in Nordrhein-Westfalen verkauft (24 Prozent), am zweitdurstigsten waren die Bayern (22 Prozent).

Am liebsten ließen die Deutschen untergäriges Pils durch die Kehle rinnen (Marktanteil rund 55 Prozent), gefolgt von Export (10 Prozent) und Weizen (8 Prozent).

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