DHL, Hermes, DPD & Co.

Was ein Paket-Zusteller so alles erlebt – und warum den Boten neue Konkurrenz droht

Braunschweig. Zündschlüssel abziehen, Paket greifen, Tür zuschlagen, laufen, klingeln, warten. Und hoffen, dass jemand das Paket annimmt: Das ist der Job von Stefan Weber. Der 28-Jährige rennt von Haustür zu Haustür, spurtet Treppen rauf und runter. Und ist am Nachmittag froh, wenn er all seine Pakete losgeworden ist. „Dann war es ein guter Tag“, sagt der Zusteller und schwingt sich erneut hinters Steuer.

Der junge Mann arbeitet bei DHL in Braunschweig. Einer von bundesweit 100.000 Zustellern, die bei dem Konzern tagtäglich Briefe und Pakete ausfahren. Jetzt kurz vor dem Fest haben die Boten Hochkonjunktur, deshalb helfen 10.000 zusätzliche Kräfte aus. Auch die Konkurrenten wie Hermes, DPD oder GLS haben personell aufgerüstet.

Ende des Jahres werden die Unternehmen 2,8 Milliarden Pakete ausgefahren haben, 100 Millionen mehr als 2013 und neuer Rekord. Hauptgrund ist der boomende Online-Handel. Jedes zweite Paket geht an einen Privathaushalt.

Die Boom-Branche beschäftigt fast 200.000 Mitarbeiter

Die Paketbranche ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor: Sie setzte im letzten Jahr 16 Milliarden Euro um, 60 Prozent mehr als noch 2000. Fast 200.000 Menschen arbeiten in diesem Gewerbe. Zu diesen Ergebnissen kommt eine im Frühjahr veröffentlichte Studie der Kölner Unternehmensberatung KE-Consult Kurte & Esser. Erstellt wurde sie im Auftrag des Bundesverbands Internationale Express- und Kurierdienste, der die Interessen der großen Paketfirmen vertritt.

Stefan Weber hat heute 170 Pakete geladen. „Zu Spitzenzeiten sind es 270 Stück“, erzählt er. Ganz extrem sei der 23. Dezember, „dann arbeiten wir am Anschlag“. Sagt’s, klingelt an der nächsten Tür – und drückt ein Paket dem netten Nachbarn des Bestellers in die Hand. Das Paket schnell einscannen, einen Benachrichtigungsschein in den Briefkasten werfen – und im Laufschritt zurück zum Wagen.

Seit zweieinhalb Jahren arbeitet Weber bei DHL. Berufsanfänger verdienen hier 12 Euro brutto die Stunde, im Schnitt kommt ein Post-Zusteller auf 15 Euro. Davon können Webers Kollegen bei der Konkurrenz meist nur träumen. Nicht selten, fand die Stiftung Warentest heraus, müssten sich Kurierfahrer mit deutlich weniger zufriedengeben.

Nächster Stopp für Stefan Weber: Diesmal wird der Bote mit dem grauen Käppi eine Sendung in einem Nagelstudio los. Ein paar nette Worte noch, kurzes Winken – und weiter geht’s. Während der Fahrt kommt er ins Plaudern: Einmal habe er zwei 30 Kilo schwere Pakete mit Futternahrung und Katzenstreu in den ersten Stock geschleppt, das sei „Fitness-Training pur“. Ein anderes Mal platzte ein Paket mit Kastanien auf, die kullerten dann durch den ganzen Wagen. Und ausgerechnet in einer schmalen Einbahnstraße ging der Anlasser seines Iveco kaputt.

Weber erzählt das so gut gelaunt, dass man ihm den Spaß am Job anmerkt. Schließlich ist DHL so etwas wie eine sichere Bank. Das Unternehmen ist beim Privatkundengeschäft mit einem Marktanteil von gut 50 Prozent mit Abstand die Nummer eins. Doch ist das für die Ewigkeit zementiert?

Andreas Schumann hat da seine Zweifel. Er ist Vorsitzender des Bundesverbands der Kurier-Express-Post-Dienste, der unter anderem die Interessen der kleinen Subunternehmer vertritt.

Der Branchenkenner hat mehrere Zukunftsszenarien durchgespielt. Denkbar sei zwar, dass die kapitalkräftige DHL noch mächtiger wird. „Aber was passiert, wenn die großen Internethändler selbst zur Post werden?“, fragt er. „Man stelle sich vor: Amazon kauft Hermes, Ebay übernimmt DPD. Undenkbar? Keineswegs!“, sagt Schumann. Und verweist auf das Beispiel des chinesischen Online-Händlers Alibaba, der sich dieses Jahr bei der Post von Singapur eingekauft hat.

Schumann geht gedanklich noch einen Schritt weiter. Auch Einzelhändler mit einem flächendeckenden Filialnetz wie etwa der Discounter Aldi könnten Postdienste übernehmen und auf ihren Liefertouren Pakete der Online-Versender gleich mit transportieren: „Nichts ist unmöglich.“

Und den Etablierten droht noch mehr Ungemach, nach dem Muster des Taxi-Schrecks Uber. So wie dort Privatleute Fahrgäste mitnehmen, könnten sie für einen ähnlichen Anbieter Pakete ausliefern. Das erfordert nur ein Online-Portal, auf dem alle Akteure zueinanderfinden: Fahrer, Paketkunden, Versender.

Der Anfang ist gemacht, in Österreich: Bei der Transport-Plattform „Checkrobin“ sind inzwischen mehr als 12.000 Fahrer registriert. 2015 will Checkrobin auch in Deutschland loslegen.

Stefan Weber ficht das nicht an. Gegen halb fünf am Nachmittag ist „Schicht“. Alle Pakete sind ausgeliefert. Es war wieder ein guter Tag.


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aktualisiert am 29.03.2016

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