Gutmenschen in Aktion

Was der Fall Sarrazin über die Streitkultur im Land verrät

Herausgeber Ulrich Brodersen

Wir wissen nicht, was den Mann letztlich umtreibt: Ob Thilo Sarrazin seine provokanten Bücher aus Sorge um die Zukunft unseres Landes schreibt oder aus weniger ehrenwerten Gründen. Solange wir das nicht wissen, gebietet der mitmenschliche Anstand, respektable Motive zu unterstellen. Was nicht heißt, ihm überall beizupflichten.

Allzu viele Zeitgenossen haben sich von dieser Anstandspflicht entbunden. Sie haben die beiden Bücher eifrig verrissen, schon bevor diese erschienen waren. Eine Melange aus politischem Establishment, Journaille und Gesellschaftskritikern vom Dienst zieht da an einem Strang. Und verhilft dem derart Bekämpften erst zu wirklicher Beachtung.

Wie erklärt sich dieses Phänomen? Wohl durch die Person und ihre Themenwahl. Flinke Federn gibt es zuhauf – aber nur eine mit Vergangenheit als Spitzenbeamter, erfolgreicher Finanzsenator und Bundesbanker. Zudem verhindert seine langjährige SPD-Mitgliedschaft, ihn einfach als unbeachtlich in die rechte Ecke zu stellen.

Mit Ausländer-Integration und Euro-Krise behandeln die Bücher Gebiete, auf denen die Politik nach Ansicht vieler Bürger versagt hat. Zudem lagen hier gewisse Protagonisten der veröffentlichten Meinung lange Zeit ziemlich quer zum gesunden Menschenverstand: Unverdrossen trommelten sie für Multikulti ohne Wenn und Aber und für Ausgabenprogramme ohne Rücksicht auf die Folgen für die Geldstabilität. Sarrazin trifft da einen wunden Punkt – auch wenn er mitunter, jenseits seiner Akribie und Sachkunde, schwach ist und sich auch beim Formulieren verhebt. Hier setzen seine Kritiker begierig an.

Als „Gutmenschen“ werden ja zu ihrem Unwillen diejenigen bezeichnet, die sich anmaßen, mit ihren Meinungen stets auf einer moralisch höheren Stufe zu stehen als andere. Sie geben vor, was politisch korrekt ist. Auf Andersdenkende, die „Schlechten“, dürfen sie einprügeln.

Gegen Sarrazin dürfen sie Parteiausschlussverfahren und Amtsenthebung betreiben und, wo er auftritt, „Nazi raus!“-Rufe ertönen lassen. Eine Kommentatorin durfte ihn in der „Berliner Zeitung“ als „diese lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur“ titulieren: Selbst ein körperliches Gebrechen darf als Argument-Ersatz, als Hass-Motiv herhalten.

Der Gutmensch darf von sich geben, was anderen zu Recht als „Vokabular des Unmenschen“ angekreidet würde. Er darf vieles, was anständigen Menschen Kopf und Kragen kosten würde. Nur eines darf er nicht: von anderen kritisiert werden.


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