Gentechnik

Was der Bauer nicht kennt ...


SunGene forscht gegen Hungersnöte und RohstoffMangel – und kämpft gegen pauschale Urteile

Biotechnologie verändert Leben in seinem Erbgut. Ihre Ergebnisse werden in der öffentlichen „Gentechnik“-Debatte oft als gefährlich und risikobehaftet verallgemeinert. Wer mitdiskutieren will, sollte konkrete Anwendungen kennen. Hier sind zwei ostdeutsche Beispiele – eins aus der Landwirtschaft und eins aus der Medizin.

Gatersleben. Sylvia Müller nimmt ein Töpfchen nach dem anderen in Augenschein. Hin und wieder fällt ein überflüssiger Blütenstand ihrer Schere zum Opfer, damit die Pflanze ihre Kraft nicht verzettelt. „Das ist Acker-Schmalwand“, erklärt sie. „Für uns ein ideales Gewächs. Sie hat ein kleines Genom, also relativ wenige Erbinformationen. Und sie wächst rasch.“

Müller ist Agrar-Ingenieurin bei der Biotechnologie-Firma SunGene GmbH Gatersleben (bei Magdeburg), einer 100-prozentigen Tochter des Chemiekonzerns BASF. 46 Mitarbeiter arbeiten hier daran, Pflanzen gezielt so zu verändern, dass sie stabil mehr Ertrag bringen, weniger Aufwand beim Anbau erfordern oder resistent gegen Wetter-Einflüsse und Insekten sind.

Hightech gegen Hungersnöte

Zurzeit laufen in Gatersleben beispielsweise Versuche,  Kartoffeln gegen die berüchtigte Kraut- und Knollenfäule resistent zu machen. Diese Pilz-Krankheit führt immer wieder zu massiven Ernte-Einbrüchen. Berühmt-berüchtigt wurde sie Mitte des 19. Jahrhunderts, als sie in Irland die „Große Hungersnot“ mit Hunderttausenden Toten auslöste und rund eine Million Iren zur Auswanderung zwang.

„Konventionelle Züchtung, also das klassische Kreuzen, konnte wirtschaftlich relevante Kartoffelsorten bislang nicht gegen die Kraut- und Knollenfäule resistent machen“, berichtet SunGene-Geschäftsführer Jens Lerchl. „Uns ist das gelungen. Und zwar, indem wir das Resistenz-Gen aus der Wildkartoffel in das Erbgut von Speisekartoffeln eingeschleust haben.“

Das könnte den Kartoffelbauern ersparen, ihre Felder pro Jahr bis zu 15-mal gegen diesen gefährlichen Pilz zu behandeln. Sie könnten auf Fungizide verzichten, mit ihren Treckern weniger klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) in die Luft blasen und viel Geld sparen. Sie könnten – wenn es erlaubt wäre, die Gen-Kartoffel anzubauen. Doch es ist nicht erlaubt.

Aus Furcht vor Gefahren für Mensch und Natur darf die grüne Gentechnik in Deutschland bislang nicht kommerziell genutzt werden. Genehmigt sind lediglich Experimente auf Versuchsfeldern, knapp 30 an der Zahl.

„Bei weitem nicht so gefährlich“

SunGene-Chef Lerchl klagt über „Mythen und Halbwissen“. So werde pauschal argumentiert, biotechnologisch veränderte Pflanzen könnten unkontrolliert auswildern oder sich mittels Pollenflug ausbreiten. „Dabei werden Kartoffeln über Knollen vermehrt – sie wildern weder aus noch fliegen da Pollen.“

Auch den Einwand, die in alle Gentech-Gewächse eingebaute Antibiotika-Resistenz könnte sich auf Bakterien übertragen und diese so bedrohlicher machen, hält Lerchl für falsch. „Die entsprechenden genetischen Informationen kommen selbst aus Bakterien – und sind dort sowieso weit verbreitet.“ Fazit: Gentechnik sei „keine Risiko-Technologie, wie sie in der Öffentlichkeit dargestellt wird“.

In Gatersleben beschäftigt man sich vor allem mit dem Service für noch laufende Freisetzungsversuche. So machen elf Mitarbeiter die Qualitätskontrolle der BASF-Stärkekartoffel „Amflora“, die Anfang Mai auf 20 Hektar in Mecklenburg zu Versuchszwecken ausgesät wurde. Sie ist nicht zum Verzehr gedacht, sondern zur Produktion etwa von Klebstoff, Papier und Spritzbeton.

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