Macht-Poker um Pipelines

Was das Spiel von Russen und Griechen für die Gasversorgung in Deutschland bedeutet

Asse im Ärmel: Der griechische Regierungschef Alexis Tsipras (links) und Russlands Präsident Wladimir Putin bei ihrem Treffen in Moskau. Foto: dpa

Moskau/Köln. Es klingt wie aus dem Drehbuch eines Polit-Thrillers: Ein von Wirtschaftssanktionen getroffener russischer Präsident rettet einen griechischen Regierungschef vor der Staatspleite – und trickst mit dessen Hilfe die EU aus.

Die Premiere dieses Streifens war kürzlich in Moskau zu sehen, mit Wladimir Putin und Alexis Tsipras in den Hauptrollen.

Milliardenzahlungen hatte der Mann im Kreml seinem Gast aus Athen in Aussicht gestellt – wenn Griechenland russisches Erdgas von der türkischen Grenze in die südlichen EU-Staaten weiterleitet. Ab 2018 könnte das der Fall sein, sobald die neue Pipeline Turkish Stream fertig ist. Sie soll Gas von Russland aus an die türkische Seite des Bosporus pumpen.

Den Bau dieser Trasse treibt der Energiekonzern Gazprom voran, seit er vor einem Jahr ein viel größeres Projekt gestoppt hat: Die Pipeline South Stream sollte von Russland nach Bulgarien, dann weiter über den Balkan nach Österreich führen.

Doch das Wettbewerbsrecht der EU machte den Russen einen Strich durch die Rechnung. Demnach dürfen Pipelines nicht im Besitz des Gaslieferanten sein. Mit Turkish Stream will Gazprom dieses Problem umgehen und den Griechen beim Bau der Pipeline helfen: „Die Russen setzen darauf, dass sich die Europäer das Gas in der Türkei abholen“, sagt Harald Hecking vom Energiewirtschaftlichen Institut Köln.

Gefahren für die Versorgung bei uns oder in anderen europäischen Staaten sieht der Gasmarkt-Experte wegen dieser politischen Machtspiele oder der Ukraine-Krise nicht: „Russland und Europa sind voneinander abhängig. Die einen brauchen das Gas, die anderen das Geld.“

Zwar ist Russland mit einem Drittel Marktanteil der größte Lieferant, doch es gibt mächtige Mitbewerber – vor allem Norwegen und die Niederlande mit ihren Gasfeldern in der Nordsee.

Selbst ein vorübergehendes Stilllegen der Pipeline Brotherhood, die durch die Ukraine führt, würde den Transport nach Deutschland nicht beeinträchtigen. „Schließlich gibt es seit 2011 die Nord-Stream-Trasse“, so Hecking. Deren Bau hatten sechs Jahre zuvor Putin und der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder besiegelt. Nord Stream kann jährlich 55 Milliarden Kubikmeter Gas durch die Ostsee transportieren. Zum Vergleich: Deutschland hat einen Jahresbedarf von 85 Milliarden Kubikmetern.

„Durch den Ausbau der Infrastruktur ist die Versorgungssicherheit aktuell sehr gut“, betont Hecking. Bei einem Lieferstopp könne Deutschland wegen seiner Gasspeicher den Bedarf mindestens für einen Monat decken – auch im Winter.

Flüssiggas aus Katar oder Trinidad

Und es gibt eine weitere Option: Flüssiggas, das aus Katar, Nigeria oder Trinidad nach Rotterdam und Antwerpen geliefert wird und von dort über Pipelines nach Deutschland gelangen kann. Selbst bei einem dauerhaften Ausfall der Ukraine-Route könnte der deutsche Bedarf noch zu 95 Prozent gedeckt werden, so das Fazit des Wissenschaftlers.


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