Chancen für mehr Wohlstand

Was das Freihandelsabkommen TTIP für die Chemie-Branche bedeutet

Darmstadt. Die größte Freihandelszone der Welt soll es werden, mit 800 Millionen Menschen. Europäische Union und USA wachsen zu einem Markt zusammen – ohne Zölle und andere Beschränkungen – wenn das Freihandelsabkommen TTIP kommt.

Die Chemie in Deutschland, der drittgrößte Industriezweig, hegt hohe Erwartungen an die Transatlantic Trade and Investment Partnership – kurz TTIP. Schließlich sind die Vereinigten Staaten der wichtigste Überseemarkt für die Branche: Im vergangenen Jahr exportierte sie Waren für 15 Milliarden Euro in die USA.

Doch für deutsche Hersteller ist es bisher gar nicht so einfach, ihre Produkte auf der anderen Seite des Atlantiks zu verkaufen. Ob es um Chemikalien, Medikamente, Autos oder Lebensmittel geht: Stets gelten dort andere Vorschriften und Sicherheitsstandards als hierzulande.

„Die große Chance des Freihandelsabkommens liegt im Abbau der nicht-tarifären Handelshemmnisse“, erklärt Karl-Ludwig Kley, Chef des Chemie- und Pharma-Unternehmens Merck in Darmstadt. Dazu zählen etwa technische Vorschriften, industrielle Sicherheitsstandards, Regeln über die Inhaltsstoffe von Lebens- oder Arzneimitteln, Umweltauflagen oder Zulassungsbedingungen. Dinge, die Unternehmen auf beiden Seiten des Atlantiks „täglich viel Zeit und Geld kosten“, sagt Kley.

Den Unternehmer nervt die überbordende Bürokratie und die Zeit, die das Ausfüllen zahlloser Formulare kostet. Das ließe sich reduzieren, etwa durch eine Angleichung der Verfahren oder die gegenseitige Anerkennung vergleichbarer Standards. Bisher nämlich haben die Unternehmen oft doppelte Arbeit, wie ein Beispiel aus der Pharmabranche zeigt. Dabei geht es um die weltweiten Qualitätsinspektionen durch die verschiedenen Überwachungsbehörden.

Kley: „Zurzeit schwärmen sowohl Teams der US-amerikanischen Food and Drug Administration als auch der European Medicines Agency aus. Es kann passieren, dass in einer Woche die eine Behörde anklopft und in der Woche darauf die andere.“ Durch das Freihandelsabkommen könnten Inspektionen gegenseitig anerkannt und Doppelinspektionen um rund 40 Prozent gesenkt werden.

140 Millionen Euro Zoll gehen an den US-Fiskus

Als weiteres Beispiel führt Kley neue Medikamente an: „Im Moment müssen mehr klinische Studien für Arzneimittel durchgeführt werden als nötig. Nur weil in Europa und den USA unterschiedliche Regeln greifen.“

Klinische Studien unterliegen zwar gleich hohen, aber eben nicht identischen Standards. „Wenn eine Studie global durchgeführt wird, dauert sie dadurch länger und wird kostspieliger“, so Kley. Würden die USA und Europa sich beispielsweise auf eine höhere Kompatibilität bei pädiatrischen Prüfkonzepten einigen, dann müssten insgesamt weniger Studien an Kindern durchgeführt werden. Und Patienten erhielten so generell schneller Zugang zu neuen Medikamenten.

Es mag vielleicht verwundern, dass sich die Industrie über scheinbar simple Dinge beklagt wie doppelte Tests für Medizinprodukte oder die Entflammbarkeit von Hemden und unterschiedliche Regeln für Blinker und Außenspiegel. Aber: „Auf diese Weise kommen hohe Ausgaben zustande“, so EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström. Die könnten sich die Industrie und die Verbraucher sparen.

Aber, so fragen sich Zweifler, weicht das nicht unser erreichtes Schutzniveau in Sachen Chemikaliensicherheit (REACH) auf?

„Unsere hohen Standards haben wir uns in den letzten Jahren hart erarbeitet und wollen sie in jedem Fall beibehalten“, versichert Matthias Zachert, Chef von Lanxess in Köln. „Sicherheits- und Qualitätsstandards waren mitentscheidend für den Erfolg deutscher Unternehmen, und es gibt hier keinen Grund, davon abzurücken.“ Auch Willem Huisman, Deutschland-Chef des US-Chemiekonzerns Dow, betont: „Nur gemeinsam könnten wir starke Standards in der Umwelt- und Arbeitssicherheit auch global durchsetzen!“ Mit TTIP hätten Europa und die USA die Chance, wichtige Regeln für die Weltwirtschaft des 21. Jahrhunderts zu setzen.

Übrigens: Experten schätzen, dass allein die deutsche Chemie-Industrie durch das Abkommen jährlich 140 Millionen Euro an Zöllen sparen könnte. Die kassiert bisher der US-Fiskus.

Fakten:

TTIP und Chemie auf einen Blick

  • Die USA zählen zu den wichtigsten Handelspartnern für die Branche. Der Anteil am Export beträgt 9 Prozent (15 Milliarden Euro).
  • Das Abkommen soll der Branche neue Arbeitsplätze bringen, ein Produktionsplus und eine zusätzliche Wertschöpfung.
  • Trotz der niedrigen Zölle von durchschnittlich 2,8 Prozent auf Chemiegüter würde deren Wegfall wegen des enormen Handelsvolumens den Unternehmen viel Geld sparen.
  • Das Chemikaliengesetz REACH bleibt von TTIP unberührt: Die Systeme und die Schutzstandards auf beiden Seiten des Atlantiks sind zu unterschiedlich.
  • Dennoch: Der entscheidende Vorteil für die Chemie-Industrie wäre eine langfristig angelegte Zusammenarbeit bei zukünftigen Regulierungen. Das schafft dauerhafte Impulse.

Wohlstand hängt vom Export ab

Mehr zum Thema:

Das geplante Freihandelsabkommen TTIP zwischen der EU und den USA – über dieses kontroverse Thema berichtet AKTIV immer wieder. Lesen Sie hier, worum es in der aktuellen Debatte geht.

aktualisiert am 31.03.2017

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