Experte belegt: „Neun von zehn Deutschen sind zufrieden mit ihrem Job“

Warum wir keine Anti-Stress-Verordnung brauchen

Berlin/Köln. Was Deutschland voranbringen könnte? Noch mehr Bürokratie – wenn man der Gewerkschaft glaubt: Eine Anti-Stress-Verordnung müsse her, um vor „krank machendem Stress“ in den Betrieben zu schützen. Es sei „allerhöchste Zeit zu handeln“, so nun die IG Metall: „Wenn es um den Schutz der Gesundheit geht, ist eine Strategie des Aussitzens unverantwortlich.“

Oliver Stettes, Leiter des Kompetenzfelds Arbeitsmarkt- und Personalökonomik am Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW), kann da nur den Kopf schütteln. „Die Lage ist keineswegs dramatisch“, sagt er, „die gesetzlichen Vorgaben reichen aus. Man sollte nicht ohne Not neue Regelungen fordern, die ineffektiv sind, aber Kosten verursachen.“

Wie bitte? Hat die Zahl der psychisch Kranken etwa nicht stark zugenommen? Und verabschieden sich nicht vier von zehn Frührentnern deshalb aus dem Arbeitsleben, weil die Psyche nicht mehr mitspielt?

Kranke Psyche hieß früher oft „Rücken“

„Es ist gut, dass solche Krankheitsbilder inzwischen viel besser diagnostiziert werden als früher“, erklärt Stettes, „daraus folgt aber nicht, dass unsere Arbeitswelt schlechter geworden wäre.“

Unter Experten ist ja unstrittig: Ärzte haben früher oft mit „Rücken“ oder „Magen“ krankgeschrieben, wo eigentlich die Seele betroffen war. Und über Depressionen sprach man damals nicht. Das hat sich geändert, nicht zuletzt durch prominente „Burn-out“-Fälle.

Die Arbeit an sich wiederum, so steht es im „Stressreport“ der Bundesregierung, hat „für die meisten eine positive und stabilisierende Wirkung“. Arbeitslosen geht es psychisch im Schnitt schlechter als Beschäftigten. Was Experte Stettes daher besonders betont: „Nach wie vor sind neun von zehn Deutschen zufrieden mit ihrem Job! Das ist doch ein sensationell guter Wert.“

Und die persönliche Arbeitszufriedenheit sei ein prima Indikator für die Qualität der Arbeit. Schon, weil Stress individuell empfunden wird: Wenn zwei im gleichen Betrieb den gleichen Job erledigen, kann sie das psychisch ganz unterschiedlich schlauchen.

Die alle fünf Jahre erstellte EU-Studie EWCS belegt: Bei uns hat sich der Anteil derer, die in ihrer Haupttätigkeit zufrieden oder sehr zufrieden sind, von 1995 (88,8 Prozent) bis 2010 (88,3 Prozent) kaum verändert. Sogar noch bessere Werte ergab die Erwerbstätigenbefragung des Bundesinstituts für Berufsbildung und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Sie zeigt auch sonst oft an, dass sich der Stress im Berufsleben zwischen 2006 und der jüngsten Erhebung 2012 nicht groß verändert hat. Heute wie damals muss jeder Zweite „häufig unter starkem Termin- und Leistungsdruck arbeiten“ – wobei das nur jeden Dritten „belastet“.

Dass der Job oft Situationen mit sich bringt, die „gefühlsmäßig belasten“, bejaht heute wie damals jeder Achte. Auch viele Antworten zu positiven Aspekten – etwa Hilfe von Kollegen, Unterstützung durch den direkten Vorgesetzten – verharren auf hohem Niveau. Dazu passt ein im Sommer präsentierter Report der Initiative Gesundheit und Arbeit (Iga), die von der gesetzlichen Kranken- und Unfallversicherung getragen wird.

Arbeitsschutzgesetz wurde präzisiert

Der Iga-Report stellt auf Basis einer eigenen Umfrage fest: 80 Prozent sagen „mein Job hält mich fit“, 82 Prozent „meine Arbeit bringt mir Anerkennung“. „Der Anteil derer, die Beruf, Branche oder Firma wechseln wollen, ist gesunken“, ergänzt Stettes. „Und jemand, der glaubt, den Anforderungen seiner Stelle nicht gewachsen zu sein, muss sich selbstkritisch fragen: Gibt es nicht einen Job, der auf Dauer besser zu mir passt?“

Zumal natürlich jeder Betrieb ein ureigenes Interesse daran habe, seine Leute auch psychisch fit zu halten, so der IW-Ökonom. Bosch-Personalchef Cristoph Kübel brachte es gerade so auf den Punkt: „Zufriedene Mitarbeiter sehen wir als Wettbewerbsvorteil.“

Übrigens: Der Gesetzgeber hat schon gehandelt – 2013 wurde das Arbeitsschutzgesetz präzisiert. „Psychische Belastungen bei der Arbeit“ müssen nun ausdrücklich bei der Gefährdungsbeurteilung berücksichtigt werden. Jede Firma sei da in der Pflicht, betont das Arbeitsministerium. Vor allem für kleinere Betriebe ist das eine Herausforderung.

Helfen sollen da die brandneuen „Empfehlungen zur Umsetzung“, die mit Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften abgestimmt sind. Herausgeber ist die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie – eine konzertierte Aktion, die sich bis 2018 verstärkt ums Thema Stress kümmert.

Dass eine zusätzliche Anti-Stress-Verordnung in der Praxis noch mehr bewirken würde, bezweifelt Stettes. „Und wie sollte die denn aussehen?“ Lärm zum Beispiel oder Bildschirm-Neigungswinkel könne man messen – in Sachen Psyche gebe es aber keine sinnvollen objektiven Grenzwerte.

Kanzlerin Merkel will weniger Bürokratie

Auf „erhebliche fachliche Unsicherheit“ verweist man denn auch im Ministerium: „Der Wissensstand reicht noch nicht aus, um Handlungsanforderungen abzuleiten, die den Ansprüchen an Rechtssicherheit und Durchsetzungsmöglichkeiten gerecht werden.“ Daher werde die Bundesanstalt für Arbeitsschutz zunächst „wichtige Forschungsarbeit“ leisten, bis 2016 noch. Dann werde man „prüfen“, ob Handlungsbedarf besteht.

Kanzlerin Angela Merkel hat der Wirtschaft eigentlich gerade etwas ganz anderes versprochen. „Wo immer es möglich ist, Bürokratieabbau“, sagte sie in ihrem Video-Podcast. Eine logische Folge für die Regierungschefin: „Ich stehe einer Anti-Stress-Verordnung sehr kritisch gegenüber.“

Übrigens …

Tipps und Hilfe für Gestresste

  • Was jeder Einzelne tun kann, um psychische Belastungen im Job zu verringern, erklärt eine „Handlungshilfe für Beschäftigte“ der Betriebskrankenkassen: Die Broschüre „Kein Stress mit dem Stress“ kann unter inqa.de gratis bestellt oder heruntergeladen werden.
  • Wie man bei seelischen Problemen schnell kompetente Hilfe findet, hat AKTIV erst kürzlich erklärt.

Mehr zum Thema:

Rund 60 Millionen Tage pro Jahr fehlen Deutschlands Arbeitnehmer aus psychischen Gründen. AKTIV sprach darüber mit der Psychologin Karin Clemens, deren Firma unter anderem Notfall-Beratung für Mitarbeiter leistet.

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