Strom aus dem eigenen Kraftwerk

Warum Industrie-Unternehmen zunehmend selbst Energie erzeugen


Baustelle: UPM errichtet in Schongau für 85 Millionen Euro ein Gaskraftwerk. Foto: Schulz

Schongau/Darmstadt. Betonpfeiler strecken sich neben Kränen in den grauen Herbsthimmel: Die Arbeit geht zügig voran. Einige Zwischendecken und Wände sind schon eingezogen. Hier, an seinem oberbayerischen Standort Schongau, baut der finnische Papierkonzern UPM ein Gaskraftwerk.

Ende 2014 soll es die mehr als 40 Jahre alte Anlage ersetzen. „Der Anteil des selbst erzeugten Stroms steigt dann von weniger als 40 auf knapp 70 Prozent unseres Bedarfs“, berichtet Rainer Häring, Energiemanager der vier bayerischen Papierfabriken von UPM.

Wie UPM bauen immer mehr Industrie-Unternehmen in Deutschland ihre eigene Energie-Erzeugung aus oder ganz neu auf. 19 Prozent der Betriebe haben schon ein Kraftwerk. 8 Prozent investieren aktuell in eigene Anlagen und 21 Prozent planen dies.

„Die Kosten haben sich verdreifacht“

Für insgesamt 48 Prozent ist Strom aus eigener Quelle also ein Thema – das ergab kürzlich eine Umfrage der Industrie- und Handelskammern. Im letzten Jahr waren es noch 44 Prozent.

Auch das Chemie- und Pharma-Unternehmen Merck modernisiert an seinem Stammsitz in Darmstadt die eigene Versorgung mit Strom, Wärme und Kälte. Kostenpunkt: 27 Millionen Euro. Der Anteil der selbst erzeugten Energie wächst so 2015 von 60 auf 70 Prozent. Ein entscheidender Grund für die Investition, die sich nach fünf Jahren auszahlen soll: „Die Energiekos­ten an unseren deutschen Standorten haben sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht“, berichtet Stefan Müller, Energiemanager von Merck. „Obwohl unser Verbrauch um 10 Prozent sank.“

Im Vergleich der großen EU-Länder hat nur Italien höhere Industriestrompreise. Ein wesentlicher Kostentreiber hierzulande ist die EEG-Umlage. Die ist im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) geregelt und subventioniert den Ökostrom. Ihr stetiger Anstieg macht selbst erzeugte Energie noch attraktiver: Für die gilt die Abgabe nicht.

Die Energiewende stockt und verunsichert Betriebe

Besonders energieintensive Betriebe können sich für den Strom aus dem öffentlichen Netz von der EEG-Umlage weitgehend befreien lassen. Je nach Verbrauch zahlen sie nur knapp 1 Prozent bis 10 Prozent der Umlage. Die meisten Firmen, auch Merck in Darmstadt, berappen aber die volle Abgabe.

Und selbst für die Ausnahme-Betriebe – aktuell rund 1.600 – gilt der Nachlass immer nur für ein Jahr. Das erschwert eine langfristige Finanzplanung.

Die Unsicherheit hat sich noch verschärft. Denn mit der Praxis, energieintensive Betriebe von der Umlage zu befreien, ist Deutschland ins Visier der EU-Kommission geraten. Die sieht darin eine Wettbewerbsverzerrung.

Und nicht nur die Kosten bereiten den Betrieben Kopfzerbrechen. Die Energiewende, die wegen Schwierigkeiten mit Planung und Technik stockt, sorgt auch für Angst vor einem Blackout. „Wir haben schon Bedenken, dass es künftig Probleme in der Energieversorgung geben könnte“, sagt Merck-Energiemanager Müller. Für die Firma ist das ein weiterer Grund, Strom selbst zu produzieren.

Hintergrund: Immer mehr für Ökostrom

Seit dem 15. Oktober wissen wir, dass die EEG-Umlage ab Januar 2014 auf 6,2 Cent je Kilowattstunde Strom steigt.

Die EEG-Umlage erhalten die Betreiber der Übertragungsnetze als Ausgleich.

Denn ihr an der Strombörse ermittelter Verkaufspreis ist niedriger als der garantierte Preis, den sie den Ökostrom-Produzenten zahlen müssen.

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