Das Atommüll-Endlager

Warum Finnland auf die Karte Kernenergie setzt


Auf einer kleinen Insel vor der Küste Finnlands wird derzeit das weltweit erste Endlager für hochradioaktiven Atommüll gebaut. 2020 soll „Onkalo“ in Betrieb gehen. Was in Deutschland für bürgerkriegsähnliche Zustände sorgen dürfte, regt in Finnland kaum jemanden auf. Im Gegenteil: Die Mehrheit begrüßt den Bau. Spinnen die Finnen? AKTIV hat sich im hohen Norden umgesehen.

Eurajoki. Stechender Blick, stocksteife Haltung – eigentlich wirkt Harri Hiitiö wie jemand, der zum Lachen bevorzugt in den Keller geht. Es sei denn, er darf über sein Lieblingsthema sprechen: Über hochgefährlichen Atommüll! Dann lehnt sich der Bürgermeister der finnischen Kleinstadt Eurajoki plötzlich entspannt zurück, legt die Fingerspitzen seiner bratpfannengroßen Hände aufeinander. Und sagt mit mildem Lächeln etwas, was wohl so ziemlich jeden seiner deutschen Amtskollegen heftig an Hiitiös Geisteszustand zweifeln lassen dürfte: „Viele Städte in Finnland wollten den Atommüll haben. Wir kriegen ihn jetzt! Das ist ein Glücksfall!“
Atommüll als Glücksfall – spinnen die Finnen?

„Unsere Experten wissen, was sie tun“

Fakt ist: Auf der Insel Olkiluoto an der finnischen Südwestküste, knapp zehn Kilometer vom 6.000-Einwohner-Städtchen Eurajoki entfernt, entsteht derzeit das weltweit erste Endlager für hochradioaktiven Müll aus Kernkraftwerken. Schon jetzt schlägt hier das Herz der finnischen Atom-Industrie. Zwei Meiler produzieren seit Jahrzehnten Strom, der dritte, „Olkiluoto 3“, soll nächstes Jahr ans Netz gehen, ein vierter ist bereits in Planung.

Und jetzt auch noch das Atom-Endlager. „Onkalo“ nennen es die Finnen, „kleine Höhle“. 420 Meter tief im Felsengestein soll hier ab 2020 der Strahlen-Schrott aus finnischen Atomkraftwerken endgelagert werden- Warum Finnland auf die Karte Kernenergie setzt . 5.500 Tonnen davon in Kupferkanistern.

Proteste? Fehlanzeige! Während in Deutschland jeder Castor-Transport Zehntausende zu wütenden Demos auf die Straße zieht, reden die Bürger Eurajokis lieber von Wohlstand und billigem Strom. „Unsere Experten wissen, was sie tun“, sagen die Menschen hier. „Die Atomindustrie und das Endlager bringen uns Jobs, also ist es gut, dass sie hier sind“, hört man auf der Straße. Und: „Alles ist besser, als Strom von den Russen kaufen zu müssen.“

Unbesorgtes Strahlen: Die Lehrerinnen Katriina Salonen (links) und Ulla Oksanen. Foto: Ulrich Halasz

Es ist kalt an diesem freundlichen Februarmorgen in Eurajoki, minus 20 Grad. Rote Holzhäuser, zwei Supermärkte, eine Tankstelle, viel Wald. Auf dem Schulhof des Gymnasiums schiebt ein Räumfahrzeug die Schneemassen zu hohen Bergen zusammen, drinnen im Lehrerzimmer sitzt Katriina Salonen auf einem lila Designersofa und isst Schokoladenkuchen.

Auch die Grünen stimmten dafür

Sorgen wegen des Endlagers macht sie sich nicht: „Wir haben uns an die Kernkraft gewöhnt, es ist nie was passiert, dann ist auch das Endlager sicher“, glaubt die Pädagogin, und gibt damit ziemlich genau die Meinung der meisten Finnen wieder. Laut Umfragen hal- Schöne Aussicht: Blick auf den bottnischen Meerbusen bei Eurajoki. Nur einen Steinwurf entfernt: Die Einfahrt zur Endlager-Baustelle (oben). ten 65 Prozent der Finnen die unterirdische Lagerung von Atommüll für die beste Lösung. Über 100 Städte hatten sich als Standort für das Endlager beworben. Nach langen geologischen Tests stimmte das Parlament in Helsinki 2001 mit 159 zu 3 Stimmen für Eurajoki. Auch die finnischen Grünen votierten dafür.

Im Endlager: Die Geologin Sanna Mustonen vor dem Loch einer Probebohrung im Endlager „Onkalo“. Foto: Ulrich Halasz

„Man muss sich um seinen Müll kümmern“

Es geht eine Betonrampe hinunter, das Tor zu „Onkalo“ öffnet sich, dann schlingert der Pick-up durch den Schlamm des dunklen Stollens. Baufahrzeuge bringen Material und Männer in die Tiefe, Scheinwerfer zucken, von unten dröhnt das Grollen einer neuen Sprengung. Überall in den Wänden klaffen tiefe Löcher, „Probebohrungen, mit denen wir das Gestein weiter erkunden“, erklärt die Geologin.

Reicht das aus? Ist es nicht menschliche Überheblichkeit zu glauben, Sicherheit für die Ewigkeit gewährleisten zu können? „Alles ist besser, als den Atommüll in Zwischenlagern zu halten“, kontert Mustonen.

Und die nächste Eiszeit, die Wissenschaftler in 60.000 Jahren erwarten? „Das Gestein ist stabil genug dafür!“ Was, wenn irgendwann keiner mehr weiß, was da unten, tief im Fels, verborgen ist? „Wenn in tausend Jahren jemand die Technik hat, 400 Meter tief zu bohren, wird er wissen, dass das, was man dort findet, gefährlich ist.“

Atomfreund: Eurajokis Bürgermeister Harri Hiitiö macht am Ortseingang Werbung für die Kernkraft Foto: Ulrich Halasz

So simpel ist das? „Es ist nicht simpel, es ist pragmatisch“, findet Atom-Bürgermeister Harri Hiitiö. „Wir haben die Kernkraftwerke, also ist auch der Müll da. Und die Moral gebietet es, sich um den eigenen Abfall zu kümmern. Das machen wir Finnen.“

Ganz uneigennützig handelt Hiitiö dabei nicht. Denn: Eurajoki lebt von der Atom-Industrie. Von den üppig fließenden Steuereinnahmen bezahlte man unlängst eine Eishalle, selbst ein kleines Krankenhaus leistet sich das Dorf. „Wir sind eine reiche Gemeinde“, sagt Hiitiö freimütig. „Und deshalb sind auch die Bürger zufrieden.“

Einsamer Gegner: Juha Jaakkola stimmte gegen das Endlager. Und wurde zum Außenseiter. Foto: Ulrich Halasz

Nur Juha Jaakkola nicht. Als einer der wenigen stimmte der Farmer vor Jahren im Gemeinderat gegen „Onkalo“. „So nah am Meer, so nah an den Häusern? Musste das sein?“, fragt Jaakkola. Den Posten als obers - ter Gemeinderat hat er inzwischen aufgegeben, er ist gegangen, bevor er zum Außenseiter wird. Sein Frust ist geblieben. „Wir haben keine Protestkultur gegen die Atomkraft in Finnland“, sagt er resigniert.

Ein Grund dafür: Der Winter ist hier lang und kalt. Mit über 16.000 Kilowattstunden pro Kopf und Jahr zählen die Finnen zu den größten Stromverbrauchern der Welt. Mehr als ein Drittel des Stroms stammt schon heute aus den vier heimischen Kernkraftwerken. Bürgermeister Hiitiö ist das nur recht. Am Ortseingang von Eurajoki, draußen am Waldrand, wo er im Sommer gern Elche schießen geht, hat er ein großes Schild aufstellen lassen. Die Aufschrift: „Eurajoki – Finnlands elektrischste Gemeinde“

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