Konjunktur

Warum es noch nicht richtig rund läuft


Umsätze wie „vor der Krise“ sind für die Chemie-Industrie noch fern: Das Beispiel Michelin

Karlsruhe. Alles in Ordnung? Reifenprüfer Ulrich Böhmer beäugt einen Pneu. Tastet ihn ab, spürt jeden Riss, jeden noch so kleinen Fehler. Er hat ordentlich zu tun. Endlich. Noch letztes Jahr sah es beim Reifenhersteller Michelin in Deutschland düster aus: Umsatzrückgang, Sparprogramme, Kurzarbeit. „Es zieht langsam wieder an“, sagt Böhmer. „Hoffentlich geht es weiter aufwärts.“

Das hofft die ganze Branche. Immerhin liefert die Statistik wieder Wachstumsraten. Im Dezember 2009 – das ist die neueste Zahl – lag der Umsatz der chemisch-pharmazeutischen Industrie 10 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Doch der Vergleich hinkt: Im Dezember 2008 war der Umsatz bereits im Keller, im Vergleich mit 2007 steht noch immer ein Minus (siehe Grafik in Galerie).

Kurzarbeit und „Flexi“-Lösungen

Die globale Finanz- und Absatzkrise schlug auf die Branche im Herbst 2008 voll durch – als der Umsatz in nur zwei Monaten von 14,1 auf 10,4 Milliarden Euro fiel. Gespürt hat das so mancher Michelin-Mitarbeiter, etwa Herbert Fuchs. Er steht in der Produktion, bestückt den „Kalander“ mit teigfarbenen Platten, einem der Rohmaterialien für Reifen. Im April 2009 hieß es für ihn: Kurzarbeit! Erst seit Februar arbeitet er wieder normal. „Zum Glück war das finanziell okay, das hat die Firma gut gemanagt“, sagt er.

Doch die Krise hat den Reifenhersteller noch immer in ihren Klauen. Auch im Frühjahr ist Kurzarbeit in bestimmten Abteilungen nicht ausgeschlossen, anderswo wird im Rahmen des „Flexi-Tarifs“ die Wochenarbeitszeit herabgesetzt. Mitte Februar teilte die französische Konzern-Zentrale mit, dass der weltweite Gewinn aus dem laufenden Geschäft 2009 um 6 Prozent auf 862 Millionen Euro gesunken ist. Der endgültige Gewinn brach sogar um 70 Prozent auf 104 Millionen Euro ein – weil Michelin hohe Rückstellungen für Umstrukturierungen und eine Werkschließung in Japan bilden musste, aber auch kräftig Schulden abgebaut hat.

Der Aufstieg bleibt mühsam

Grund für den Rückgang ist vor allem die sinkende Nachfrage nach Lkw-Reifen. Die Statistik zeigt hier ein ähnliches Muster wie beim Chemie-Umsatz: Laut Bundesamt für Güterverkehr sank der Transport auf der Straße 2009 um 12 Prozent auf 2 Milliarden „Frachtkilometer“. Klar, da braucht man weniger Ersatzreifen: Schlecht für Hersteller wie Michelin. Jetzt sind die Brummis wieder mehr unterwegs. Doch sie müssen – wie die Industrie – noch viel mehr Fahrt aufnehmen, um die alte Leistung zu erreichen.

Trotzdem hofft Michael Tomzik, dass jetzt das Schlimmste überstanden ist: „Ich habe wieder mehr zu tun.“ Er hat schon als Azubi bei Michelin gelernt und „kocht“ jetzt Reifen in der Vulkanisation. Sein Urteil lautet: „Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen.“

Noch ist nicht sicher, dass die Krise wirklich zu Ende geht. Rohstoffe für die Reifenfertigung werden wieder teurer – was Experten als Indiz für Belebung deuten. Ähnlich läuft es in anderen Bereichen der Chemie. Aber: Der Aufstieg für die Branche bleibt mühsam.

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