Made in USA

Warum die weltgrößte Fabrik von BMW bald in Amerika steht

Spartanburg. Es soll ja Menschen geben, die fahren alle zwei Jahre ein neues Auto. Randy Brown kann darüber bloß müde lächeln: Er wechselt die Autos fast im Minutentakt.

Das BMW-Werk in Spartanburg, USA. Brown steht in der riesigen Halle, in der Hand ein Emblem der Marke. Ein Auto läuft vom Band, ein lackfunkelnder X 4. Der Mann drückt das Logo aufs Heck – und dann kommt der beste Teil seines Jobs: Er setzt sich ans Steuer, fährt den Wagen rüber zum Hallentor, wo schon der Güterzug wartet. „Ich bin der Erste, der es fährt“, grinst Brown. Dass seine Spritztouren bloß 30 Meter messen, ist ihm wurscht: „Ich fahre Traumautos! Und werde dafür sogar bezahlt!“

Aussteigen, zurück, nächster Wagen. Seit ein paar Monaten erst arbeitet der 50-Jährige bei BMW. Er ist eines von vielen neuen Gesichtern. Seit Monaten stellt der bayerische Autobauer hier neue Leute ein, in großem Stil. Für die gigantische Summe von 1 Milliarde Dollar erweitert er gerade sein seit 20 Jahren bestehendes US-Werk. Ende 2016 soll alles fertig sein. Dann werden 8.800 Mitarbeiter jährlich 450.000 Autos bauen, 100.000 mehr als heute.

Heißt: Das weltgrößte Werk des Autokonzerns wird dann nicht länger in Dingolfing stehen. Auch nicht in München, Leipzig oder Regensburg. Sondern hier: Spartanburg, South Carolina, Vereinigte Staaten von Amerika!

Wie bezeichnend. Denn: Die USA sind wieder da.

Es ist an der Zeit, Abbitte zu leisten. Gerade mal ein paar Jahre ist es her, da prophezeite der Rest der Welt Amerika eine zappendustere Zukunft. Die Wirtschaft am Boden, die Arbeitslosigkeit hoch, die Auto-Industrie, einst Motor der Wirtschaftssupermacht, so gut wie bankrott.

„Die Verzweifelten Staaten von Amerika“ titelte das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ noch Ende 2010. Und vielleicht, wer weiß, mischte sich nicht selten auch ein bisschen Häme in den Abgesang: Der große Bruder, das Land der ach so unbegrenzten Möglichkeiten, solle doch endlich mal die Scherben vor der eigenen Haustür aufkehren.

Tja. Ist wohl passiert! Denn seitdem hat die US-Industrie einen rasanten Aufschwung hingelegt.


Der Ami kommt wieder nach Hause

Statt zum Bremsklotz zu verkümmern, hat sich Amerika wieder zur kraftstrotzenden Lok der Weltwirtschaft emporgekämpft. Fürs laufende Jahr rechnet der Internationale Währungsfonds mit einem Wirtschaftswachstum von 3,6 Prozent – fast dreimal so viel wie in Deutschland.

Der Aufschwung hat viele Ursachen. Eine davon: die großanlegte US-Förderung von Öl und Gas aus Schiefergestein durch das sogenannte Fracking. Es hat die Preise auf Talfahrt geschickt – und das beschert den Amerikanern mehr Geld für den Konsum und der Industrie günstigere Energiepreise.

Allein in den letzten vier Jahren entstanden in den USA mehr als zehn Millionen zusätzliche Jobs. Die Arbeitslosigkeit lag im Februar mit 5,5 Prozent nur noch etwa halb so hoch wie 2010.

Und beteiligt an diesem Boom sind nicht zuletzt ausländische Unternehmen. Nach Auskunft des staatlichen Bureau of Economic Analysis in Washington investierten sie allein im Jahr 2013 gigantische 236 Milliarden Dollar in Fabriken auf amerikanischem Boden.

So plant der Ludwigshafener Chemieriese BASF, der 17.000 Mitarbeiter in den USA hat, ein neues Werk an der Golfküste. Der Spezialchemie-Konzern Lanxess fertigt neuerdings in North Carolina, Konkurrent Evonik in Alabama und so weiter.

Auch die Liebe der US-Konzerne zur heimischen Scholle scheint neu entflammt. Apple beispielsweise produziert einen Teil seiner Notebooks neuerdings in Texas. General Electric baut Elektrogeräte lieber wieder in Kentucky als in China. Und vielleicht ist das alles erst die Speerspitze: Laut einer Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group überlegt derzeit mehr als die Hälfte der amerikanischen Firmen mit mehr als 1 Milliarde Dollar Umsatz, sich dem Trend anzuschließen.

Der Ami, so scheint’s, kommt nach Hause.

„Bis dahin aber war es ein langer, steiniger Weg“, sagt jemand, der ihn mitgegangen ist: Bill Barnet, langjähriger Bürgermeister der BMW-Stadt Spartanburg in South Carolina.

Es ist ein früher Abend Ende Februar, Barnet sitzt am Steuer seines weinroten X5. Und kurvt durch „seine“ Stadt. Im Autoradio warnen sie vor fünf Zentimeter Neuschnee, die in der Nacht fallen sollen, am nächsten Morgen wird überall die Schule ausfallen. Schnee, den haben sie nicht oft hier in den amerikanischen Südstaaten. „Aber Stürme, die haben wir erlebt“, sagt der 72-Jährige. Er meint nicht das Wetter. Er redet von der Wirtschaft.

Barnet ist keine zehn Minuten gefahren, da hat er schon ein halbes Dutzend Fabrikruinen passiert. Riesige rote Klinkerbauten, die langsam verfallen. Es sind die Überreste der einst so starken Textil-Industrie. In den 90er-Jahren begann ihr unaufhaltsamer Niedergang: „Die Produktion wanderte aus“, erzählt Barnet, „nach China, Mexiko oder Vietnam, wo die Löhne niedriger waren.“

Super-Fabrik folgt auf Früchte-Farm

Schon Mitte der 90er war es dann der BMW-Konzern, der in das von Jobverlust gebeutelte 40.000-Einwohner-Städtchen Spartanburg neue Hoffnung brachte. Die Bayern suchten nach einem geeigneten Auslandsstandort. Die Voraussetzungen lauteten: qualifizierte Arbeitskräfte, günstige Betriebskosten, gute Verkehrsinfrastruktur. Barnet führte damals Delegationen durch Stadt und Region, saß mit am Verhandlungstisch. „Am Ende entschieden sie sich für uns, für das riesige Gelände einer ehemaligen Pfirsichplantage.“

Seither: Fahrzeuge statt Früchte. Wie eine eigene Stadt erhebt sich das Werkgelände mit seinen weißen Hallen aus der Ebene. Am Horizont schneiden die schneebekränzten Gipfel der Blue Ridge Mountains Konturen in den Himmel. Fast idyllisch wirkt die Szenerie von draußen. Bis man dann eintaucht in die Welt unter den Hallendächern.

Im „Body Shop“, dem Karosseriebau, packen 1.400 Roboter stählerne Rahmen. Vollautomatisch wird geschweißt, dass die Funken nur so fliegen. In der riesigen Lackiererei tauchen jungfräuliche Karossen blubbernd in ein Bad aus Korrosionsschutzlösung, im Minutentakt, wie an der Perlenschnur. Und auf fertige Autos warten draußen die Güterzüge. Deren Ziel: der Hafen von Charleston. Drei von vier Autos werden exportiert, in 140 Länder.

Der Mann, der hier das Sagen hat, sitzt gerade in seinem kleinen Eckbüro mit Glasfront, im weißen Hemd mit dem gestickten Namenszug „Manfred“ auf der Brust: „Hier nennen mich alle beim Vornamen, ich mag das“, lächelt Werkleiter Manfred Erlacher. Unkompliziert sei nicht nur hier der Umgangston, erzählt der Topmanager. Sondern auch der mit den Behörden.

Natürlich gebe es hier „genauso Auflagen wie anderswo“. Aber die Unterstützung durch die staatlichen Stellen sei „grandios“. Es gibt wenig Bürokratie, die Entscheidungswege sind kürzer. „Umgesetzt wird, was Jobs schafft.“

Mit Erfolg: Schon jetzt beschäftigt BMW hier 8.000 eigene Mitarbeiter, und 23.000 weitere Jobs sind um das Werk herum entstanden, vor allem bei Zulieferern. Das hat die Universität des Staates South Carolina berechnet.

Die gesamte Industriebeschäftigung in den USA stieg in den letzten vier Jahren um rund 700.000 Mitarbeiter auf 12,3 Millionen. Aber wie stark Amerika heute ist, zeigt sich durch einen noch längerfristigen Vergleich: Relativ zu 2007, dem Jahr vor dem großen Einbruch der Produktion, beschäftigt die US-Industrie heute zwei Millionen Menschen weniger. Der Output ist trotzdem höher.

Heißt: Das Land ist produktiver geworden. Wettbewerbsfähiger.

Die Löhne sind vergleichsweise niedrig, insbesondere in South Carolina und den anderen Südstaaten – die auch deswegen das Gros der Industrie-Investitionen verzeichnen können.

Zurück bei Randy Brown, dem neuen Mann am BMW-Band. Gut zwei Dutzend Autos hat Brown in seiner Schicht bereits vom Band bugsiert. „15 Dollar die Stunde bekomme ich“, bekennt er freimütig, nach aktuellem Kurs also etwa 14 Euro. „Aber nach fünf Jahren wird es schon doppelt so viel sein.“ Und der Jahresurlaub beträgt 60 Stunden – nicht Tage, sondern Stunden. Er findet das okay: „Ich hab hier einen sicheren Job, Krankenversicherung, sogar ein Ärztezentrum haben wir im Werk.“ Für ihn steht fest: „Ich will bleiben!“

Also alles Gold unterm Sternenbanner? Fakt ist: Die US-Industrie mag ein beeindruckendes Comeback hinlegen – doch andererseits bilden sich auch in Spartanburg zur Mittagszeit lange Schlangen vor den Suppenküchen. Es gibt noch viel zu tun. Aber vielleicht siegt ja doch wieder einmal Amerikas unerschütterlicher Optimismus.

Auch alte Fabrikruinen bekommen eine Zukunft

Wie der von Tara Sherbert, Investorin. Im Schneegestöber steht sie auf dem Dach der „Drayton Mill“, einer der alten Textilfabriken Spartanburgs. Ein Jahrzehnt bröckelte der verlassene Komplex vor sich hin. Dann kam Sherbert, verliebte sich in das Gemäuer – und baut es jetzt um. Wo früher Fallschirme für die Armee produziert wurden, sollen Appartments entstehen. „Die Nachfrage ist groß“, sagt Sherbert. Es gebe bereits eine Warteliste. Auch BMW-Leute hätten sich eingetragen.

Interview: US-Werkleiter Manfred Erlacher über das Zusammenspiel der Konzern-Standorte

Chef und Kollegin: Werkleiter Manfred Erlacher in der Montagehalle. Foto: Werk
Chef und Kollegin: Werkleiter Manfred Erlacher in der Montagehalle. Foto: Werk

Spartanburg. Think big! Das US-Werk wird bald die Fabrik im bayerischen Dingolfing als größte BMW-Produktionsstätte ablösen. Seit 2013 leitet Manfred Erlacher das hypermoderne Werk. Mit AKTIV sprach er über das Wachstum in Übersee. Und über die deutschen Standorte.

Wo liegen die Gründe für den erneuten Ausbau des US-Werks?
In erster Linie ist das eine Frage des Marktes. Und der amerikanische Markt wächst weiter kontinuierlich. Zudem: In den USA empfindet man BMW mittlerweile ein wenig wie eine amerikanische Firma. Das ist hier wichtig.

Energie und auch Lohnkosten sind hier deutlich günstiger als anderswo …
Das stimmt. Viel bedeutender aber ist, dass wir unser Produktionsnetz ausbalancieren. Und das tun wir. Sich nur auf eine Region zu konzentrieren, wäre falsch.

Werden nicht manche Mitarbeiter in Deutschland die Mega-Investition eher skeptisch betrachten?
Das bezweifle ich! Seit 20 Jahren ist BMW in den USA, seither sind wir auch in Deutschland stark gewachsen. Allein 2014 hat die BMW-Group in Deutschland rund 3.500 neue Mitarbeiter eingestellt. Alle profitieren voneinander. Da muss sich keiner Sorgen machen!

Welche Vorteile haben wir noch daheim?
Das deutsche Ausbildungssystem ist nach wie vor unerreicht. Dafür werden wir in Amerika bewundert. Wir versuchen, hier Ähnliches zu installieren. Wir arbeiten zu diesem Zweck eng mit dem Staat South Carolina, mit verschiedenen Hochschulen und natürlich auch mit unseren Zulieferern zusammen.

Mehr zum Thema:

In den Vereinigten Staaten boomt die Industrie. Ein erstaunliches Comeback nach Jahren des Niedergangs. AKTIV erklärt Ihnen hier die fünf wichtigsten Gründe für das kraftvolle Comeback.

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