Warnrufe aus der Industrie

Warum die Stahl-Branche in der EU die Hälfte ihrer Arbeitsplätze gefährdet sieht

Heißer Job: Die Hälfte der Stahl-Arbeitsplätze in der EU könnte verloren gehen. Foto: Roth

Düsseldorf. Die Stahl-Industrie schlägt Alarm: In der Europäischen Union, wo die Branche insgesamt 360.000 Mitarbeiter beschäftigt, „dürfte rund die Hälfte der Arbeitsplätze gefährdet sein“, warnt Wolfgang Eder, Chef des österreichischen Branchenriesen Voestalpine und Präsident des Weltstahlverbands. In den nächsten 15 bis 20 Jahren, so befürchtet Eder, drohen diese Stellen nach und nach verloren zu gehen.

Der Grund: Der Stahl-Standort Europa hat im Vergleich zu Standorten in Übersee gewichtige Nachteile. Eder zählt sie auf: „Hohe Energiepreise, hohe Personalkosten und Klima-Auflagen.“ Unter dem Strich seien die Betriebsausgaben der Stahlwerke hier um 15 Prozent höher als in Nordamerika und Asien.

Deshalb befürchtet Eder: Die in der Europäischen Union produzierte Stahlmenge werde bis 2030 auf die Hälfte oder sogar nur ein Drittel des heutigen Niveaus abstürzen. Tatsächlich hat sich die Branche seit der globalen Konjunkturkrise vor vier, fünf Jahren nicht mehr richtig erholt. Die Stahlproduktion in der EU ist aktuell ein Viertel niedriger als noch 2007. Besonders in den aufstrebenden Schwellenländern hat der Hunger nach Stahl nachgelassen. Und deren Nachfrage macht drei Viertel des Weltmarkts aus.

An erster Stelle steht China. „Dort ist das Wachstum der Stahlnachfrage aufgrund des Abschwungs auf dem Immobilienmarkt nahezu vollständig zum Erliegen gekommen“, klagt Hans Jürgen Kerkhoff, der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl in Düsseldorf.

Chinas Stahlkocher, ohnehin die größten der Welt, drängen deshalb stärker auf ausländische Märkte. In den ersten neun Monaten 2014 haben sie dort gut ein Drittel mehr Stahl verkauft als ein Jahr zuvor. Ziel der Exportoffensive ist auch Europa.

Damit nicht genug: Die Klimapolitik in Brüssel verschärft die Wettbewerbsnachteile. Gerade erst haben die Staats- und Regierungschefs der EU ihr ehrgeiziges Ökoziel aktualisiert: Im Jahr 2030 soll der EU-weite Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) um mindestens 40 Prozent unter dem Wert von 1990 liegen. Die Industrie soll überdurchschnittlich dazu beitragen – und den Ausstoß von 2005 bis 2030 um 43 Prozent senken.

Die Stahl-Branche in der EU sieht dadurch immense Kosten auf sich zukommen: insgesamt 70 bis 100 Milliarden Euro von 2020 bis 2030. Denn künftig müssen die Stahlkocher mehr Emissionszertifikate kaufen. Die geben das Recht, eine bestimmte Menge CO2 auszustoßen. Das Volumen von kostenlos zugeteilten Zertifikaten wird bis 2030 schrittweise auf 60 Prozent der Emissionen verringert. Den Rest müssen die Firmen auf dem Markt erwerben.

„Da die Spielräume der Stahl-Industrie zu CO2-Minderungen aus technischen Gründen gering sind, wird dies auf Dauer zu untragbaren Kosten führen“, warnt Verbandspräsident Kerkhoff. „Zulasten von Investitionen und Arbeitsplätzen.“


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