Die wollen nur spielen

Warum die Computerspiel-Branche bei uns noch in den Kinderschuhen steckt

Köln. Ein wahr gewordener Traum – wie sieht der aus? Barfuß in weißem Sand? Völlig losgelöst im All? Maren Bauer ist da bescheidener. Ihr wahr gewordener Traum: den ganzen Tag in einem Großraumbüro vorm Bildschirm sitzen. Kunstlicht, Tastaturgeklapper, der Geruch von Filterkaffee. Und dort bloß eines tun: „Computerspielen. Beruflich. Dafür werde ich hier bezahlt“, sagt Maren Bauer. „Traumhaft, oder?“

Hier, das ist das rechtsrheinische Köln, ein altes Backsteingebäude. Früher malochten dort die Arbeiter eines Kabelwerks. Heute sitzen hier Bauer und die gut 30 anderen Mitarbeiter der Computerspielfirma „Kaisergames“. Das Unternehmen betreibt „Spielaffe.de“, ein Web-Portal für Online-Spiele. Bauers Job: aus der Flut neuer Games die Rosinen fürs Portal rauspicken. Dafür muss sie „spielen, spielen und nochmals spielen. Also meiner Leidenschaft nachgehen!“.

Ihren Job scheint sie ganz gut zu machen. Spielaffe.de gilt als erfolgreichstes deutsches Spieleportal. Monatliche Seitenaufrufe: um die 70 Millionen!

Als Absatzmarkt top, als Standort … na ja

Computerspiele. Was als Hobby sozial gestörter Teenies galt, ist längst Massenphänomen. Laut Hightech-Verband Bitkom daddeln 29 Millionen Deutsche regelmäßig! Gespielt wird auf allem, was Halbleiter hat: Smartphones und Tablets, Konsolen und, natürlich, Computern. Und wie das bei Leidenschaften so ist: Der Euro sitzt locker. Nach Prognosen der Marktforscher von IHS Technology werden die Deutschen dieses Jahr 2,6 Milliarden Euro für Computerspiele ausgeben. Wieder mehr als im Vorjahr. Und wohl mehr als für Musikprodukte und Kinotickets zusammen. Ganz klar: Computerspiele sind die neuen Blockbuster der Medienbranche.

Und die Spiele machen nicht nur Spaß. Sie schaffen Jobs. Nach aktuellen Angaben des Bundesverbands Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) in Berlin beschäftigt die Games-Branche hierzulande mittlerweile rund 10.000 Mitarbeiter.

Es könnten aber viel mehr sein. Wenn all die tollen Spiele nicht nur in Deutschland gezockt, sondern auch hier entwickelt und produziert würden. Was eher selten der Fall ist: Drei Viertel des Umsatzes auf dem deutschen Markt erzielen laut BIU Anbieter aus dem Ausland.

„Gerade bei den hochwertigen Konsolenspielen ist Deutschland noch ein kleines Licht“, bekräftigt auch der Hamburger Games-Experte Achim Quinke. Seit zehn Jahren berät er Spielefirmen, betreibt zudem mit „Games-career.de“ das größte deutsche Spezial-Job-Portal. Er sagt: „Es gibt hierzulande einfach zu wenig Kapital für die Entwicklung solcher Top-Spiele.“

Lange Arbeitstage für eher karges Salär

Heißt: Von ultrateuren Mega-Sellern wie dem vor ein paar Tagen auf den Markt gekommenen US-Game „Destiny“ kann die von kleinen Firmen geprägte deutsche Spiele-Industrie nur träumen. 500 Millionen Dollar soll die Produktion des Action-Spektakels gekostet haben – mehr als jeder Hollywood-Film.

Weiterer Bremsklotz: „Die Games-Branche leidet unter einem Fachkräftemangel“, sagt Quinke. Während Hochschulen in Kanada, England oder Frankreich längst Studiengänge wie Games-Design anböten, seien die in Deutschland noch im Aufbau.

Wobei: Vielleicht sind ja auch die Arbeitsbedingungen in der Branche nicht so zuckrig. „Ein Programmierer kann bei SAP, Siemens oder BMW sicher mehr verdienen als bei einer kleinen Spielfirma“, sagt Quinke. Für eher wenig Geld aber müsse viel gearbeitet werden. „Bei Gamern gibt es kaum den Luxus eines Acht-Stunden-Tages.“

Was bleibt da noch an Argumenten? „Eigentlich eine ganze Menge!“, ruft Lars Tillmann im ersten Stock des Kölner Kaisergames-Backsteingebäudes. Tillmann, zuständig für die Vermarktung des Spielaffe-Portals, zählt mit seinen 33 Lenzen übrigens schon zu den Senioren der Firma. Er findet: „Die Games-Branche ist cool, was für die Kreativen. Jeder duzt hier sofort jeden, egal ob Chef oder Kaffeekocher, wo gibt’s das sonst? Bei Bankern sicher nicht.“

Am Ende aber sei vielleicht eines vor allem entscheidend für alle, die dort arbeiten wollen, glaubt Tillmann: „Leidenschaft! Man muss Computerspiele lieben.“ So einfach sei das, so banal, wie sonstwo auch. „Es wird ja auch keiner Kfz-Mechatroniker, der Autos hasst.“


Hintergrund

Foto: dpa
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Mehr als bloß Zeitvertreib

Innovationstreiber: Für Spiele entwickelte Technologien werden auch in der Industrie eingesetzt, etwa bei 3-D-Simulationen im Autobau (hier bei Ford in Köln).

Experten erwarten einen starken Anstieg dieses Transfers. Grund ist der Trend zu denkenden Maschinen, die „Industrie 4.0“.

Mehr zum Thema:

Am 22. August startet die diesjährige Gamescom. Welche Trends gibt es bei Computerspielen? Das haben wir Felix Falk gefragt, Geschäftsführer des Bundesverbands Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU), Träger der Messe.

Anderen beim Computerspielen zugucken – nur was für Freaks, oder? Wer das glaubt, hat den Trend verpennt. Weltweit hat der „E-Sport“ schon eine Viertelmilliarde Fans. Sogar Klubs der Bundesliga steigen jetzt ein.

Wer spielt, hat Spaß. Und um zu gewinnen, strengt man sich gerne an. Diesen Mechanismus machen sich Firmen zunutze und entwickeln Spiele, die Freude bereiten und gleichzeitig bilden, gesund halten oder Produkte anpreisen.

Wussten Sie schon, dass das erste Computerspiel bereits 1952 erfunden wurde? Ja, von einem Briten. Mehr dazu und wie die Game-Geschichte bis ins Jahr 2000 weiterging, erfahren Sie hier.

aktualisiert am 28.03.2017

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