Neue Forschungsergebnisse

Warum der Mindestlohn nicht viel bringt


Berlin. Das Thema spaltet Deutschland: Braucht unser Arbeitsmarkt wirklich den allgemeinen gesetz­lichen Mindestlohn? Darüber streiten in Berlin gerade die Verhandlungsführer der Parteien – in den entscheidenden Gesprächen vor der Regierungsbildung.

Fest steht schon jetzt: Viele Politiker mit Regierungsambitionen sehen im Mindestlohn die Wunderwaffe gegen Einkommensungleichheit, und ein Großteil der Bürger hat hohe Erwartungen an ihn. Doch was taugt er tatsächlich?

Mit wissenschaftlicher Gründlichkeit sind Karl Brenke und Kai-Uwe Müller der Frage nachgegangen. Die Forscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin zerpflückten viele Studien und Statistiken zum Thema und stellten Simulationsrechnungen an. Das Ergebnis überrascht viele: „Ein Mindestlohn taugt weder zur Bekämpfung von Armut“, sagt Brenke, „noch zur Bekämpfung von Einkommensungleichheit auf Haushaltsebene.“

Niedrige Entgelte sind in der Realität oft nur ein Zubrot fürs Haushaltseinkommen

Ohnehin gibt es bereits in elf Branchen Mindestlöhne nach dem „Arbeitnehmer-Entsendegesetz“, das vor Dumpinglöhnen aus dem Ausland schützen soll. In den übrigen Branchen können die Tarifpartner Mindestlöhne selbst aushandeln. Es gibt auch ein Gesetz, das einem staatlichen Lohnminimum gleichkommt: das Verbot des Lohnwuchers im Bürgerlichen Gesetzbuch. Als wucherisch gilt jedes Entgelt, das weniger als zwei Drittel des marktüblichen Lohns beträgt.

Der Mindestlohn im Faktencheck der Wissenschaftler:

  • Haushaltseinkommen: Die Studie zeichnet nach, wie sich ein Mindestlohn auf das Haushaltsnetto der Betroffenen auswirkt. Die Effekte sind minimal! Forscher Brenke erklärt, warum: „In Haushalten von Geringverdienern finden sich häufig andere Mitglieder mit einem Erwerbseinkommen.“ Niedrige Löhne würden daher oft mit mittleren oder guten Löhnen kombiniert. Außerdem: Wenn die Niedriglöhne steigen, fallen auch mehr Steuern an – was den Effekt der Lohnerhöhung schmälert. Und bei den Geringverdienern, die Sozialleistungen bekommen, führt eine Lohnerhöhung erst einmal dazu, dass diese staatlichen Leistungen niedriger werden oder ganz wegfallen. Auch für sie ist also nicht viel gewonnen. „Bei einem Mindestlohn von 10 Euro ginge die Einkommensungleichheit nur um gut 1 Prozent zurück“, hat Brenke ausgerechnet.
  • Armutsbekämpfung: Wenn der Lohn nicht zum Leben reicht, muss er mit Hartz IV aufgestockt werden. Betroffen davon sind rund 1,3 Millionen Menschen – daran würde ein Mindestlohn wenig ändern, sagt das DIW. Der Grund: „Die allermeisten Auf­stocker arbeiten verkürzt“, so Brenke. „Sie haben kein Einkommens-, sondern ein Unterbeschäftigungsproblem.“ Selbst Vollzeitkräfte in Hartz-IV-Haushalten verdienen im Schnitt 8,66 Euro pro Stunde, und damit mehr als die 8,50 Euro, die SPD und Grüne als Minimum fordern.
  • Arbeitsplatz-Angebot: Die Forscher weisen auch darauf hin, dass ein Mindestlohn Jobs vernichten kann: Je höher er liegt, desto größer sei die Gefahr.

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