Sorge um wichtigste Industriebranche

Warnsignal: In der Metall- und Elektro-Industrie schwächelt die Produktivität

Ein neuer „M+E-Strukturbericht“ beleuchtet, welche Bedeutung die Metall- und Elektro-Industrie für Deutschland hat – und wie sie im internationalen Wettbewerb dasteht. Die Befunde sind nicht nur positiv.

Achtung: Wenn die Produktivität schwächelt, wird der Spielraum für Entgelterhöhungen kleiner. Foto: Getty

Achtung: Wenn die Produktivität schwächelt, wird der Spielraum für Entgelterhöhungen kleiner. Foto: Getty

Berlin/Köln. Die Metall- und Elektro-Industrie (M+E) ist zentral für Deutschlands Wirtschaftskraft. Aber im wichtigsten Industriezweig gibt es Grund zur Sorge, wie ein Bericht der Kölner Beratungsfirma IW Consult aufzeigt. Denn: Die Produktivität tritt praktisch auf der Stelle.




3,8 Millionen Bundesbürger arbeiten in den M+E-Unternehmen. In den letzten fünf Jahren ist der Umsatz bei M+E stärker gestiegen als im Rest der Industrie. Drei von fünf deutschen Exportgütern stammen aus M+E-Betrieben, die im Schnitt eine Ausfuhrquote von 62 Prozent haben – und damit alle traditionellen Wettbewerbsländer übertrumpfen. Wie kann es sein, dass in dieser Vorzeigebranche die Produktivität schwächelt?

Die dahinterstehende Rechnung, wie viel Arbeitseinsatz man für ein produziertes Stück benötigt, ist für die Betriebe eine der wichtigsten überhaupt. Und auch für die ganze Volkswirtschaft. Denn das Ergebnis entscheidet darüber, ob (und wo) sich Produktion lohnt.

Und die Arbeitsproduktivität in der Metall- und Elektro-Industrie insgesamt liegt nur in etwa so hoch wie schon 2007 – im Vergleich zu 2011 ist sie sogar etwas gesunken.

Patent-Statistik zeigt: Innovationsdynamik hat nachgelassen

Als wesentlichen Grund sehen die Autoren der Studie an: Viele Unternehmen erwarten Fachkräfteengpässe – oder spüren sie schon jetzt. Also „horten“ sie Mitarbeiter, beschäftigen mehr Leute, als sie streng genommen bräuchten. Und stellen häufiger auch jemanden ein, dessen Qualifikation nicht ganz genau passt. Immerhin hat die Zahl der M+E-Beschäftigten von 2011 bis 2015 um 4,6 Prozent zugelegt.

Auch die Digitalisierung, bekanntlich das Gebot der Stunde, geht fürs Erste möglicherweise auf Kosten der Produktivität. Denn sie erfordert zunächst neues Personal, um die Veränderungen in den Betrieben umzusetzen – Erträge bringen all diese Umstellungen aber erst in der Zukunft.

Fallende Weltmarktanteile bei den M+E-Patenten deuten laut Studie an, dass die Innovationsdynamik am Standort D nachgelassen hat. Das aber führt auf Dauer zu weniger Zuwachs bei den Exporten und damit der Wertschöpfung.

Ebenfalls ein wichtiger Punkt: Arbeitsplätze in Deutschland dienen verstärkt der Steuerung der Auslandsgeschäfte – auch das geht rechnerisch zulasten der hiesigen Produktivität.

Deutsche M+E-Unternehmen bauen immer mehr Produktionskapazitäten jenseits der Grenzen auf, so die Ökonomen weiter. Vor allem der hohe Kostendruck dränge Betriebe ins Ausland, aber auch die Absicht, dort die Märkte besser zu erschließen. Folge: Zu 31 Prozent (Tendenz: weiter steigend) sei Auslandsproduktion ein Ersatz für die Fertigung im Inland. Gehen derzeit 20 Prozent aller Investitionen ins Ausland, werden es in fünf Jahren laut Studie schon 24 Prozent sein. Wer möchte, kann den kompletten „Strukturbericht“ kostenlos downloaden (gesamtmetall.de/strukturbericht), beim auftraggebenden Arbeitgeberverband Gesamtmetall in Berlin. Dort nimmt man die Warnsignale sehr ernst.

„Die Entwicklung der Produktivität ist extrem besorgniserregend“, sagt Präsident Rainer Dulger. Nötig seien nun politische Weichenstellungen, um den Standort zu stärken. Aber auch die Tarifparteien müssten ihren Teil dazu beitragen, Deutschland wettbewerbsfähig zu halten: „Wenn die Produktivität schwach bleibt oder sogar sinkt“, warnt Dulger, „beschränkt das auch unseren Spielraum für Entgelterhöhungen.“

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