Shell startet Bohrungen

Vor dem Ölrausch: In der Arktis liegt ein Fünftel der fossilen Weltreserven

Hannover. In diesem Sommer geht es los: Die Plattform „Polar Pioneer“ von Shell bohrt in der Arktis nach Öl, 120 Kilometer vor der Küste Alaskas! Die US-Behörde für Meeresenergien hat unter strengen Umwelt- und Sicherheitsauflagen grünes Licht gegeben – wegen der Energieversorgung.

Mehr und mehr gibt das durch die Erderwärmung schmelzende Eis der Arktis den Zugang zu den Rohstoffen frei. Im Meeresboden unter dem nördlichen Polarmeer lagern 90 Milliarden Fass Öl (je 159 Liter) sowie 44 Milliarden Fass Flüssiggas und 50 Milliarden Kubikmeter Erdgas, schätzt die US-Fachbehörde Geological Survey. Umgerechnet in Rohöl-Einheiten entspricht das einem Fünftel der Weltreserven. Dieser Schatz beflügelt die Fantasien bei den Anrainern USA, Russland, Norwegen, Kanada und dem zu Dänemark gehörenden Grönland.

Denn der überwiegende Teil liegt innerhalb der 200-Meilen-Zonen vor deren Küsten, berichtet Christian Reichert, Experte für marine Rohstoffe bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften in Hannover: „Laut Seerecht dürfen die Staaten da Rohstoffe exklusiv fördern.“

Vor der US-Küste will Shell nun loslegen. Der Konzern versuche seit Jahrzehnten, die Arktis zu erschließen, so Steffen Bukold, Leiter der Beratungsfirma EnergyComment in Hamburg. „Bisher hat Shell 7 Milliarden Dollar investiert.“

Russlands Ölgewinnung schrumpft bereits in absehbarer Zeit

Die russische Gazprom ist schon weiter; vor der Küste Sibiriens gewinnt sie Öl. Während der Rosneft-Konzern intensiv nach Quellen bohrt. Im letzten Herbst meldete er einen Riesenfund. Russland ist drittgrößter Ölförderer der Welt und heiß auf das schwarze Gold. „Denn die Ölgewinnung geht dort in absehbarer Zeit zurück“, weiß Rohstoff-Experte Reichert.

In Norwegen, wo fossile Energien für ein Fünftel der Wirtschaftsleistung sorgen, sinkt die Förderung schon. Da wird die Arktis interessant. Im Snøhvit-Feld vor der Küste fördert der Statoil-Konzern bereits Gas, nördlich davon hat er ein Ölfeld im Visier. Um da profitabel zu arbeiten, müsste das schwarze Gold aber über 70 Dollar je Fass bringen. Also mehr als zurzeit. Statoil-Techniker drehen deshalb jetzt kräftig an den Kosten des Projekts.

Die Förderung im Polarmeer ist allerdings aufwendig. Die Bohrinseln müssen Stürmen, Eis und bis zu 50 Minusgraden trotzen. Und wegen des Ölunglücks im Golf von Mexiko steigen die Sicherheitsanforderungen. Umweltschützer von Greenpeace halten die Vorhaben für viel zu riskant. Nach Ansicht des norwegischen Professors und Offshore-Experten Jan Erik Vinnem dagegen kann die Förderung in der Arktis gelingen – wenn die Firmen gezwungen werden, das Risiko realistisch einzuschätzen.

Jetzt hängt alles am Ölpreis. „Steigt er wieder, geht die Rallye los“, ist sich Reichert sicher. Zwar haben die großen Industriestaaten jüngst beschlossen, bis 2050 den Einsatz von Öl, Gas und Kohle stark zu verringern. Aber noch wächst der Energiehunger der Welt.


Mehr zum Thema:

Seitdem der Eispanzer des Polarmeers durch die Erderwärmung schrumpft, ist ein Wettstreit um die Rohstoffe in der Arktis entbrannt. Russland, Kanada, Norwegen und Dänemark wollen Zugriff. Die Entscheidung trifft eine Kommission in New York.

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