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Ist der Job wirklich so unattraktiv?

Viele Pflegedienste sind völlig überlastet – AKTIV hat einen besucht

Pflegedienst-Leiterin Rosanna Loru aus Heilbronn hat einen schwierigen Beruf. Ständig gibt es Personal-Engpässe zu überbrücken. Warum wollen eigentlich viel zu wenige Leute in dieser Branche arbeiten? Eine Reportage.

„Ich liebe meinen Beruf“: Rosanna Loru will trotz der Belastung nichts anderes machen. Foto: Eppler

„Ich liebe meinen Beruf“: Rosanna Loru will trotz der Belastung nichts anderes machen. Foto: Eppler

Medikamente sortieren: Auch das gehört zum Alltag von Pflegekräften. Foto: Eppler

Medikamente sortieren: Auch das gehört zum Alltag von Pflegekräften. Foto: Eppler

Neukunde: Geschäftsführerin Aida Leibbrand berät einen Mann, der Hilfe braucht. Foto: Eppler

Neukunde: Geschäftsführerin Aida Leibbrand berät einen Mann, der Hilfe braucht. Foto: Eppler

Pausenlos im Einsatz: Ein normaler Arbeitstag der Pflegedienst-Chefin hat mindestens zwölf Stunden. Foto: Eppler

Pausenlos im Einsatz: Ein normaler Arbeitstag der Pflegedienst-Chefin hat mindestens zwölf Stunden. Foto: Eppler

Heilbronn. Rosanna Loru hält die Hand einer Patientin. Für ein paar Sekunden denkt sie nicht an die Formulare, die sie gleich ausfüllen muss, und nicht an all die anderen Patienten, die sie heute noch auf ihrer Liste hat. „Schon mit 13 habe ich mit Altenheim-Bewohnern ‚Mensch ärgere dich nicht‘ gespielt“, erzählt Loru. „Ich liebe meinen Job.“ Doch einfach ist er nicht. Loru arbeitet beim ambulanten Pflegedienst Proindividuum in Heilbronn. Der ist total überlastet.

Deutschland wird zur Pflegerepublik – doch den Job wollen viel zu wenig Leute machen. Warum eigentlich?

Fakt ist: Auf 100 offene Altenpflege-Stellen kommen 32 Arbeitslose. Da mangelt es an potenziellen Mitarbeitern, das spürt auch Loru. Sie ist Pflegedienst-Leiterin, plant die Fahrten. Mit 30 Kolleginnen versorgt sie Hunderte Patienten, in Vollzeit. Sie springt oft ein, wenn jemand ausfällt. „Es klingelt auch nachts mal das Telefon“, sagt die Mutter einer dreijährigen Tochter. „Um den Beruf machen zu können, muss ich das Familienleben minutengenau drumherum planen.“

Ihre Chefin Aida Leibbrand ist ständig auf der Suche nach zusätzlichen Mitarbeitern und dankbar, dass das Team bei Personal-Engpässen füreinander einsteht. An diesem Tag trägt die Inhaberin des Pflegedienstes vier Telefone mit sich herum. Meldet sich eine Mitarbeiterin morgens krank, ist eine komplette Tour unbesetzt. „Ich springe oft auch selbst ein“, sagt sie. Ein Arbeitstag hat bei ihr mindestens zwölf Stunden, auch samstags und sonntags ist sie im Einsatz, oft noch nachts. „Unser Beruf ist eigentlich wunderbar“, seufzt die Unternehmerin.


Die Löhne sind niedriger als in der Industrie

Viele fordern, Pfleger müssten schlicht besser entlohnt werden. Vollzeitkräfte etwa in Heimen verdienen in der untersten Leistungsgruppe im Schnitt 2.060 Euro Monatsbrutto (mit Sonderzahlungen). In der Metall- und Elektro-Industrie dagegen liegt der Durchschnitt in der untersten Lohngruppe bei 3.086 Euro! Seit dem Jahr 2000 sind die Löhne in der Industrie viel schneller gestiegen als in Dienstleistungs- und Sozialberufen, „weil es in der Industrie lange Zeit höhere Produktivätssteigerungen gab“, erklärt Hagen Lesch vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW).

Zudem bestehen in der Pflege sehr große Lohnunterschiede. Das liegt daran, dass es hier keinen Flächentarifvertrag gibt, wie er in der Industrie innerhalb einer Branche und Region die Bezahlung regelt. Leitlinie für viele Pflegedienste ist ein entsprechender Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes: Beschäftigte mit dreijähriger Ausbildung beispielsweise bekommen dort, je nach Berufserfahrung, 2.636 bis 3.296 Euro monatlich.

Für Lohnzuwächse gibt es kaum Spielraum: Die Preise für Pflegeleistungen sind festgelegt, durch Vereinbarungen von Pflegekassen und Pflegediensten. Chefin Leibbrand sieht nur eine Möglichkeit, ihre ohnehin steigenden Personalkosten wieder reinzuholen: Arbeitsverdichtung. „Ein Teufelskreis“, sagt sie. „Viele halten den Druck nicht aus, die Fluktuation ist sehr groß.“

Statt für Entlastung und mehr Wertschätzung zu sorgen, bürde die Politik den Beschäftigten noch mehr auf. „Die Akten werden immer dicker, wir müssen inzwischen jeden Handgriff dokumentieren.“ Dass ausgerechnet Pflegekräfte zum Teil mit Mini-Einkommen leben müssen, finden viele ungerecht. Die Crux: Wenn die Pflegerlöhne weiter steigen, müsste das zwangsläufig über höhere Gebühren und Beiträge finanziert werden.

Nur 3,4 Millionen haben eine Zusatzversicherung

Ein Dilemma, denn die Sozialbeiträge machen bereits 39 bis 40 Prozent vom Bruttolohn aus! Und die Lohnnebenkosten sind bei uns schon höher als in fast allen anderen Industrieländern, was die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschlands ohnehin erheblich schwächt.

Eine private Pflegezusatzversicherung haben nur 3,4 Millionen Bundesbürger abgeschlossen. Leibbrand kritisiert, wie die Gesellschaft mit dem Thema Pflege umgeht: „Wer nicht selbst betroffen ist, interessiert sich in der Regel überhaupt nicht dafür.“ Dabei steigt die Zahl der Pflegebedürftigen steil an. 2030 werden laut amtlicher Prognose schon 3,5 Millionen Bürger betroffen sein, 1999 waren es 2 Millionen. Und die Zahl der Beitragszahler sinkt.

Die Chefin eilt in der Zentrale ihres Pflegedienstes zum Empfang: Dort will sich ein älterer Herr informieren, der seit kurzem Unterstützung braucht. Ob ihm hier geholfen werden kann, ist nicht sicher, denn: Es gibt eine Warteliste, und die ist lang.

Die gesetzliche Pflegeversicherung deckt übrigens nur einen Bruchteil der Kosten. Wer etwa in Pflegegrad 2 eingestuft wird („erhebliche Beeinträchtigung der Selbstständigkeit“), bekommt Leistungen im Wert von 689 Euro pro Monat bezahlt. Damit komme man nicht weit, betont Leibbrand: „Der Eigenanteil ist bei den meisten Patienten sehr hoch.“

„Viele glauben, diesen Job könne jeder machen“

Wer in einem Heim untergebracht ist, zahlt laut einer Studie des Verbands der privaten Krankenversicherung im Schnitt sogar 1.700 Euro im Monat aus eigener Tasche, wobei es große regionale Unterschiede gibt. Wer nicht genug Geld hat, bekommt vom Staat „Hilfe zur Pflege“. Im Zweifel versucht das Sozialamt, sich dieses Geld von den Kindern der Pflegebedürftigen zurückzuholen. Tatsächlich werden aber nur Besserverdiener am Ende wirklich zur Kasse gebeten (mehr zu diesem sogenannten Elternunterhalt lesen Sie hier auf AKTIVonline). Die Ausgaben für Hilfe zur Pflege lagen im Jahr 2000 noch bei 2,9 Milliarden Euro und 2013 (so weit reicht die Statistik) schon bei 3,8 Milliarden Euro.

Pflege-Unternehmerin Leibbrand ärgert nicht nur, dass die Politik keine wirklichen Lösungen für den Pflegenotstand hat. Es herrsche auch ein ganz falsches Bild von dem Beruf: „Viele glauben, das könne jeder machen, der nichts gelernt hat und nichts anderes findet.“ In Wirklichkeit jedoch müssen Leute wie Loru nicht nur einfühlsam, sondern auch zuverlässig, kundenorientiert und sehr belastbar sein. Und, so Leibbrand: „Ich kann Bewerbern nicht versprechen, dass es keine Überstunden gibt.“ Ach ja, noch etwas: „Wenn alle anderen das Wochenende genießen, Ostereier suchen oder Weihnachten feiern, sind wir natürlich auch unterwegs.“

Fachkraft Loru plant schon die nächsten Touren. Sie ist trotz allem glücklich in ihrem Beruf – er ist für sie Berufung: „Ich kann und will eben nichts anderes machen.“

Mehr zum Thema:

Auf die neue Bundesregierung wartet eine Riesen-Herausforderung: Die Sozialleistungen sind von den Beitragszahlern kaum noch zu schultern. Was steckt dahinter? Zunehmende Armut jedenfalls nicht. Mehr dazu hier.

Zurzeit steht die gesetzliche Krankenversicherung finanziell ganz gut da. Doch Experten geben keine Entwarnung. Sie fordern Reformen, um den Ausgabenanstieg zu bremsen: Mehr Wettbewerb könnte die Kosten kräftig senken.

Oft müssen Menschen, die zu Hause einen Pflegebedürftigen betreuen, beruflich kürzertreten oder den Beruf sogar ganz aufgeben. Das muss aber nicht zulasten der eigenen Alterssicherung gehen – die Pflegekasse hilft seit 2017 mehr denn je.

Die Pflegereform 2017 wird große Veränderungen bringen. Worin bestehen die wichtigsten Neuerungen? Welche Pflegebedürftigen sollen am meisten profitieren? Was ändert sich für die Angehörigen? Und wer sollte noch 2016 aktiv werden?

Selbst wenn man mit Vater und Mutter zerstritten ist oder keinen Kontakt mehr hat: Unterhalt kann trotzdem fällig werden. Aber hat jeder gewisse Freibeträge. Wen es treffen kann und wie teuer es wird, lesen Sie hier.

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