Ran an die Urne!

Viele Junge gehen nicht zur Wahl – wie kann die Politik sie motivieren?

Sie sind oft voller Idealismus, doch zur Wahl gehen unter 25-Jährige seltener als die Älteren. Warum das so ist, wie die Parteien das ändern können und welche Rolle Facebook dabei spielt, verrät der Politikberater Martin Fuchs.

Bad in der Menge: Volksnah möchte Kanzlerkandidat Martin Schulz wirken. Foto: Laif

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Lächeln fürs Selfie: Smart möchte Kanzlerin Angela Merkel rüberkommen. Foto: dpa

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Rein damit: Gewählt wird noch immer analog. Foto: dpa

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Politikberater Martin Fuchs. Foto: Privat

Politikberater Martin Fuchs. Foto: Privat

Hamburg. Das lässt immerhin hoffen: An den letzten Wahlen zu Landtagen haben sich wieder etwas mehr Bürger beteiligt. Doch bei den unter 25-Jährigen liegt das Interesse klar niedriger als im Durchschnitt. AKTIV sprach darüber mit dem Politikberater Martin Fuchs.

Herr Fuchs, kommt die Demokratie aus der Mode?

Also, ich stelle mal die These auf: Weniger Wahlbeteiligung bedeutet nicht, dass Jüngere die Demokratie schlecht finden. Vielmehr zeigen Studien, dass viele von ihnen einfach zufrieden sind – und deshalb weniger motiviert, etwas zu tun.

Ob zufrieden oder unzufrieden: Warum so wenig Mitwirkung?

Es gibt einen großen Unterschied zwischen Politikverdrossenheit und Parteienverdrossenheit. Letztere hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Auf der anderen Seite ist gerade das politische Engagement – Stichwort Flüchtlinge – in den letzten Jahren auch bei den Jungen angestiegen, allerdings außerhalb der Parteien.

Woran liegt das?

Parteien wirken auf die Jungen oft wie ein starres System. Viele denken: Da muss ich erst mal lange die Karriereleiter erklimmen, bis ich etwas bewirken kann. Anders ist es etwa bei Bürgerinitiativen oder Nichtregierungsorganisationen.

Wie wichtig der Gang zur Urne ist, war zuletzt in Großbritannien zu sehen: Viele Ältere haben 2016 für den Brexit gestimmt – und viele Jüngere sind fern geblieben; sie haben jetzt schlechtere Perspektiven.

Definitiv. Aber die Brexit-Abstimmung zeigt auch, dass es einen Impuls braucht. Die Jugend in Großbritannien hat gemerkt: Okay, wenn wir nicht zur Wahl gehen, hat das Konsequenzen für uns. Bei den Parlamentswahlen 2017 war ja dann auch zu sehen, dass viele aufgewacht sind.


Leider kam dieser Impuls etwas spät. Wie können die Parteien den Jungen denn zeigen, dass es um relevante politische Inhalte geht?

Ganz wichtig sind soziale Netzwerke. Schon lange ist Facebook für die 14- bis 29-Jährigen die wichtigste Informationsquelle, weit vor dem linearen Fernsehen, sogar vor Websites. Dadurch hat sich das Medienkonsumverhalten von der Logik her komplett verändert.

Was bedeutet das?

In der Vergangenheit musste ich selbst etwas tun, um an Informationen zu gelangen: den Fernseher einschalten, eine Zeitung kaufen oder auf eine Website gehen. In der Generation Facebook werden die Informationen in mein Leben gespült, die für mich – zumindest nach Entscheidung des Netzwerks – relevant sind. Als Nutzer erwarte ich, dass die wichtigen Sachen zu mir kommen.

Fehlt es den Parteien dazu an der nötigen Expertise?

Auf Bundesebene sind sie recht gut aufgestellt, auch personell. Allerdings gibt es vor allem bei den großen Parteien viele Hierarchie-Ebenen und Abstimmungsprozesse. Gerade die braucht Social Media nicht. Da muss man schnell agieren …

… und einfach was raushauen? Anschließend gibt’s einen Shitstorm.

Nun ja. Wenn ich im Ausland das Wort Shitstorm erwähne, lachen mich die Leute aus. Regelrechte Hasswellen, in denen Politiker unbegründet fertiggemacht werden, sind die absolute Ausnahme. Aber kritische Kommentare sind sichtbarer als früher in der analogen Welt. Das muss man aushalten können.

Wie steht es denn um den Wahlkampf in der digitalen Welt?

Für den Aufbau professioneller Strukturen haben die Parteien viel zu lange gebraucht, aber jetzt sind sie auf der Höhe der Zeit. Vor allem jüngere Parteimitglieder und Abgeordnete, die nah dran sind an der Zielgruppe, kümmern sich um deren Themen. Das gilt allerdings nicht flächendeckend. Auf der Landes- oder Lokalebene gibt es noch riesigen Nachholbedarf.

Ein wichtiges soziales Netzwerk ist ja Youtube. Wie kommen die beiden Kanzlerkandidaten dort rüber?

Authentisch. Die Teams von Angela Merkel und Martin Schulz haben erkannt, dass es nichts bringt, sich zu verstellen.

Können sie ihre komplexen Themen auf Social Media vermitteln?

In jedem Fall können Politiker ihre Inhalte erst mal an breite Bevölkerungsschichten herantragen – viel besser als zum Beispiel mit einem Flyer.

Wie sieht der Wahlkampf der Zukunft aus?

Es gibt keine Trennung von analoger und digitaler Ansprache, sondern einen Wahlkampf, der online wie offline geführt wird. Beide Welten werden integriert gedacht.

Das bedeutet konkret?

Wenn ein Wahlkämpfer unterwegs ist, berichtet er in Echtzeit online darüber. Und Online-Aktionen dienen dazu, die Leute zu mobilisieren, etwa auf eine Veranstaltung zu kommen. Für viele Wähler ist zunehmend entscheidend, wie Freunde ein Thema sehen. Die Parteien müssen also Normalbürger zu Wahlkämpfern machen. Da spielt Social Media eine zentrale Rolle. Doch es bleibt genauso wichtig, an Türen zu klopfen, auf Menschen zuzugehen und sie zu überzeugen – im persönlichen Gespräch.

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