Das fette Problem

Viele Deutsche werden immer dicker. Das hat Folgen – für alle!


Münster. Sie hatten nebeneinander im Bus gesessen, wortlos, Saskia D. und der ältere Mann. Es dämmerte schon, Saskia D. blätterte in einer Illustrierten. Dann hielt der Bus, der Mann stand auf, drehte sich noch einmal um. Und was er dann sagte, dröhnt noch immer in den Ohren der jungen Frau. „Sie sollten sich was schämen“, sagte der Mann. Und: „Sie fette Sau!“

Saskia D. sitzt in einem Café in der Innenstadt von Münster. Eine junge Frau mit leiser Stimme, freundlichen Augen – und einem massigen Körper. Sie ist 1,68 Meter groß. Und wiegt 125 Kilo.

„Das Schlimmste ist: Der Mann im Bus hat ja eigentlich recht“, sagt sie, „ich bin fett. Und selbst schuld, weil ich keine Disziplin habe.“ Bei Stress in ihrem Job im Büro einer Baufirma, wenn sie traurig sei oder sich belohnen wolle, immer laufe bei ihr alles aufs Essen hinaus. „Nutella mit dem Löffel, das ist doch krank, und ich weiß es.“

Saskia D., ihre Körperfülle und die Fressattacken – nur ein seltener Extremfall? Zahlen des Berliner Robert-Koch-Instituts warnen: Den Kampf gegen die Waage führen Millionen in Deutschland!

10 Milliarden Euro Schaden pro Jahr 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen hierzulande sind demnach zu dick. Jeder fünfte Deutsche gilt gar als „adipös“, krankhaft fettleibig also. Wie Saskia D.! Tendenz: steigend.

Deutschland, so viel scheint klar, hat ein fettes Problem: die Volkskrankheit Übergewicht. Deren Folgen wiegen schwer. „Übergewicht ist ein Hauptrisikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselstörungen und selbst für bestimmte Krebsarten“, sagt Alexander Konnopka vom Institut für Gesundheitsökonomie an der Uniklinik Hamburg.

Das ist nicht nur für die Betroffenen folgenschwer. Sondern für alle. In einer groß angelegten Studie hat Konnopka ausgerechnet, dass durch Übergewicht ausgelöste Krankheiten bundesweit jährlich einen volkswirtschaftlichen Schaden von rund 10 Milliarden Euro verursachen. „Durch direkte Kosten für Arztbesuche, Medikamente, Krankenhausaufenthalte und Reha-Maßnahmen, aber auch durch Arbeitsunfähigkeit oder Frühverrentung.“

Und durch vorzeitige Sterblichkeit. Konnopka: „Etwa 40.000 Menschen sterben in Deutschland Jahr für Jahr an den Folgen ihres Übergewichts.“
Nur: Wie konnte es so weit kommen? Bei Saskia D. zumindest fällt die Erklärung leicht. In der Schule sei sie noch schlank gewesen, sagt sie, „ordentlich im Sport, auch bei Jungs kam ich ganz gut an.“ Dann trennten sich die Eltern, sie war 14, fühlte sich schuldig. Und tröstete sich mit Essen. „Irgendwann ist es mir dann wohl entglitten.“

Aber sonst? Für den Medizinprofessor Martin Halle vom Zentrum für Prävention und Sportmedizin der Technischen Universität München liegt die Diagnose auf der Hand: „Wir bewegen uns einfach zu wenig. Deutschland ist ein Land der Couch-Kartoffeln.“

Was zunächst polemisch klingt, ist bei näherem Hinsehen eine sehr gewichtige Feststellung. „Wer mehr Energie futtert, als er verbrennt, der nimmt eben zu – langsam, aber stetig“, sagt auch Gesundheitsökonom Konnopka. Und er gibt zu bedenken: „Kalorienreiche Nahrung ist heute wesentlich billiger und schneller verfügbar als noch vor Jahrzehnten.“
Dazu komme, dass auch der Arbeitsalltag der Menschen körperlich früher deutlich anstrengender war als heute. „Heute dominiert die sitzende Tätigkeit“, so Konnopka.

Immerhin: Die Wirtschaft scheint das Problem erkannt zu haben. Und sie steuert dagegen. „Die betriebliche Gesundheitsförderung ist in den meisten Firmen angekommen“, urteilt Alfons Schroer, Leiter der Gesundheitsförderung beim Bundesverband der Betriebskrankenkassen. „Zumindest setzt sich das Angebot gesunder Nahrung in den Kantinen immer mehr durch.“

Bio-Joghurt statt Süßkram bei BMW

Dass es dabei nicht bleiben muss, beweist beispielsweise BMW. An jedem Standort bietet der Autobauer seinen Mitarbeitern unter anderem ein Fitness-Studio und Sportkurse an. Das Angebot werde „begeistert angenommen“, sagt Sprecher Jochen Frey.

Um auch jene zu erreichen, die um Bewegung nach wie vor einen großen Bogen schlagen, setzt der Konzern auf Aufklärung. Und auf sanften Druck: In den Kantinen informieren Nährwert-Ampeln über den Energiegehalt der Gerichte. Und in Snackautomaten verschwand Süßes zugunsten von Vollwertkost und Bio-Joghurt. Sprecher Frey: „Damit wir unsere Mitarbeiter fit, gesund und produktiv halten.“

Für Saskia D. käme das zu spät. Vor gut drei Monaten, nur ein paar Tage nach der Schimpftirade im Bus, diagnostizierte der Hausarzt bei der jungen Frau Diabetes, ausgelöst durch ihr massives Übergewicht. Jetzt will sie sich stationär behandeln lassen, in einer Spezialklinik gegen Fettsucht. „Der Arzt hat gesagt, wenn ich so weitermache, werde ich die 40 nicht erleben.“ Sie ist 35 ...

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Info: Body-Mass-Index

Wo beginnt Übergewicht? Ab wann ist man fettleibig? Den für die Einordnung maßgeblichen „Body-Mass-Index“ (BMI) kann man einfach berechnen: Gewicht geteilt durch das Quadrat der Länge.

Beispiel: Ein Mann wiegt 90 Kilo und ist 1,80 Meter lang. Man rechnet also 90 geteilt durch 3,24 (das Quadrat von 1,8) und kommt auf einen BMI von 27,8. Ab ungefähr 25 beginnt das Übergewicht, ab 30 spricht man von Fettleibigkeit (Adipositas).

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