Konjunktur-Stau

Viele Chemie-Unternehmen leiden unter der schwachen Nachfrage in der Auto-Industrie


Köln. Ein harter Schlag für den Spezialchemie-Konzern Lanxess: Um 95 Prozent brach das Ergebnis des Marktführers für synthetischen Kautschuk im zweiten Quartal ein, der Gewinn schrumpfte von 174 Millionen auf 9 Millionen Euro. „Wir sind nicht immun gegen Nachfragerückgänge“, erklärt der Vorstandsvorsitzende Axel C. Heitmann das Debakel.

Das Kölner Unternehmen trifft vor allem die Krise in der Automobil- und Reifen-Industrie – allein mit diesem Geschäftsbereich erzielt der Konzern rund 40 Prozent seines Umsatzes. Neuwagen brauchen Rohmaterialien für Pneus, aber auch Schläuche und Dichtungen. Und chemische Vorprodukte wie etwa Kautschuk stehen in der Produk­tionskette an erster Stelle. 

Pkw-Zulassungen erreichen Tiefpunkt

Geht die Nachfrage nach Autos zurück, sind Chemie-Unternehmen als Erste betroffen. Vor allem die Schwäche im Euro-Raum und in Asien lässt das Auftragsvolumen derzeit schrumpfen. Von Januar bis August dieses Jahres wurden in der EU nur 7,8 Millionen Pkw zugelassen – 408.000 oder 5,2 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Das ist der niedrigste Stand seit Beginn der Statistik 1990, so der europäische Branchenverband ACEA in Brüssel.

Lanxess reagierte sofort: Der Konzern spart dieses und nächstes Jahr 150 Millionen Euro ein, ab 2015 noch 100 Millionen – und streicht rund 1.000 Stellen weltweit. Sparprogramme mit Stellenabbau laufen auch bei Mitbewerber Bayer aus Leverkusen (700 Jobs) sowie bei Evonik aus Essen (1.000 Jobs).

Keine Einzelfälle, denn die Chemie-Industrie gilt als besonders konjunkturanfällig. Experten der Commerzbank attestieren ihr eine hohe Abhängigkeit von der Entwicklung ihrer Abnehmer-Industrien. So beutelt die Solar-Krise etwa Zulieferer wie den Münchner Spezialchemie-Konzern Wacker oder den Wiesbadener Grafitspe­zialisten SGL Carbon.

Auch die BASF in Ludwigshafen bekommt das zyklische Geschäft zu spüren. Im zweiten Quartal sank der Gewinn des weltgrößten Chemie-Unternehmens um 5 Prozent, der Umsatz stieg nur leicht um 3 Prozent.

Branchenkenner schätzen, dass etwa 50 Prozent des Konzernumsatzes vom Auf und Ab an den Weltmärkten abhängen.

Die Chemie-Industrie blickt also ernüchtert in die Zukunft: Zwar erholte sich die Konjunktur nach dem Absturz der Weltwirtschaft 2008. Seit 2011 gab es jedoch ­keine wesentliche Steigerung der Produktion mehr. Das Vorkrisenniveau von 2007 bleibt unerreicht.

Kein großes Wachstum in den kommenden 18 Monaten in Sicht

Der Verband der Chemischen Industrie in Frankfurt (VCI) erwartet für 2013 nur noch ein Umsatzplus von 1 Prozent. Und auch die renommierte US-Ratingagentur Moody’s meint: „Wir sehen kein großes Nachfragewachstum nach Chemieprodukten in den nächsten 12 bis 18 Monaten.“

Während die Geschäfte stagnieren, setzen den Unternehmen immer höhere Energiepreise zu. Die beunruhigende Lage im Nahen und Mittleren Osten sorgt für Preissprünge. Rohöl der US-Sorte WTI notierte kürzlich über der Marke von 104 US-Dollar (ein 14-Monatshoch), während die Nordseesorte Brent über 108 US-Dollar je Barrel stieg. Das ist zwar kein Spitzenwert wie im Jahr 2012 (121 Dollar) – aber 2010 lagen die Preise noch bei 80 Dollar.

Hinzu kommt die Sorge um ­höhere Strompreise durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz. Es entwickelt sich laut VCI zu ­einer „gefährlichen Kostenlawine“ für kleine und mittlere Betriebe. „Die steigende Umlage wirkt wie eine Sondervermögensteuer“, schimpft etwa Reinhold von Eben-Worlée, Chef des Unternehmens Worlée-Chemie in Hamburg. Er meint: „Das schwächt die Investitionskraft und gefährdet Arbeitsplätze!“

Artikelfunktionen


Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:

'' Zum Anfang