Wo Betriebe freiwillig helfen

Viele bayerische Unternehmen engagieren sich gesellschaftlich – nicht nur finanziell

Nürnberg/Unterthingau/Rosenheim. Einen Einsatz der besonderen Art leisten Mitarbeiter der Nürnberger Leichtmetallgießerei Schulte & Schmidt an diesem Tag. Statt an Maschinen zu stehen oder im Büro zu sitzen, kratzen sie im Jugendtreff „Oase“ freiwillig und unentgeltlich Farbe von den Türstöcken und tapezieren Wände.

Es ist Volunteering Tag (deutsch: Unterstützertag). Schulte & Schmidt macht schon zum zweiten Mal mit. Im Vorjahr wurden mit Kettensägen, Laubgebläsen und anderen Werkzeugen der Garten des Jugendtreffs auf Vordermann gebracht und die Fahrradwerkstatt durch eine Spende erweitert. In einem Workshop lernten die Jugendlichen außerdem unter fachmännischer Anleitung, wie man Zweiräder repariert. „Wir wollen unsere Mitarbeiter dazu bewegen, sich gerade hier im Viertel ehrenamtlich zu betätigen. Das sind unsere Nachbarn. Die müssen bisweilen auch Lärmbelästigungen ertragen“, sagt Firmenchef Roland Schulte.

So wie die Firma Schulte & Schmidt, die mitten im sozialen Brennpunkt-Stadtteil Schweinau produziert, engagieren sich viele bayerische Unternehmen freiwillig für gesellschaftliche, soziale, kulturelle und sportliche Belange. Auf der Internet-Plattform „Wirtschaft weiß-blau“ präsentieren sich mehr als 2.100 Unternehmen im Freistaat. Die Aktivitäten sind oft über Jahrzehnte gewachsen. Das gilt von Handwerksbetrieben über Mittelständler bis zu Dax-Konzernen. Wichtig ist den Unternehmen meist der lokale Bezug und die Einbindung möglichst vieler Mitarbeiter.

„Wir wollen einen Beitrag leisten, dass Vereine hier weiter existieren und die Region attraktiv bleibt“

„Unser Erfolg ist auf die Mitarbeiter dieser Region zurückzuführen“, sagt Anton Klaus Kathrein, geschäftsführender Gesellschafter des Rosenheimer Antennenherstellers Kathrein-Gruppe, der das Unternehmen in dritter Generation führt. „Wir wollen einen Beitrag dazu leisten, dass die Gesellschaft und die Vereine hier weiter existieren können, und die Region so auch für Bewerber aus anderen Regionen attraktiv ist.“ Kathrein fördert die Feuerwehr sowie Trachten-, Musik- und Sportvereine im Umfeld der Werke in Rosenheim, im schwäbischen Nördlingen und im rumänischen Temeschburg, engagiert sich aber auch für kulturelle und soziale Zwecke, für Hochschulen und Umweltschutz.

Wegen der Vielzahl von Projekten „überarbeitet“ Kathrein derzeit die Sponsoring-Aktivitäten. Die Spitzensportförderung des lokalen Eishockeyvereins Starbulls Rosenheim wurde wegen der hohen Kosten eingestellt, dafür die Jugendförderung erhöht. Das Unternehmen setzt zusätzlich auf qualitativ hochwertige Veranstaltungen von überregionaler Bedeutung – etwa die viel beachteten Ausstellungen im Rosenheimer Lokschuppen oder das Opernfestival auf Gut Immling. „Es muss zu uns passen“, sagt Kathrein.

Die Engagements der Firmen sind vielfältig. Einige Unternehmen finanzieren Profi-Fußball-, Eishockey- oder Basketballvereine, andere vor allem Jugendmannschaften. Manche haben eigene Museen oder sponsern Ausstellungen, unterstützen soziale oder Bildungseinrichtungen oder fördern die Wissenschaft. Schulte & Schmidt beteiligt sich auch an Maßnahmen zur Gesundheitsvorsorge, etwa an Firmenläufen und Ernährungsberatungen.

Gesellschaftlicher Einsatz ist keine Frage der Größe. Das zeigt das Beispiel des Herstellers von Maschinenschraubstöcken Allmatic aus dem schwäbischen Unterthingau bei Kempten. Der 50-Mann-Betrieb unterstützt ein Hospiz für krebskranke Kinder, stattet die örtliche Mittelschule mit gebrauchten PCs oder einer Tischtennisplatte aus und liefert Schraubstöcke an die Berufsschule sowie an eine Einrichtung für Lernbehinderte.

Auch für den Erwerb eines Kleinbusses für den örtlichen Fußballverein wurde ein Obolus entrichtet. „Wir wollen der Gemeinde, die uns bei der Ansiedlung sehr geholfen hat, etwas zurückgeben“, sagt Geschäftsführer Bernhard Rösch. „Das ganze Team zieht an einem Strang, und das stärkt auch den internen Zusammenhalt.“

Viele Unternehmer betrachten ihr Engagement als selbstverständlich und machen gar nicht viel Aufhebens darum. Allerdings sehen Firmen zunehmend auch die positiven Aspekte eines solchen Engagements: Sie können sich so von Konkurrenten abheben, etwa im Wettbewerb um knapper werdende Fachkräfte.

„Nichts macht die Mitarbeiter stolzer, als wenn in der Zeitung oder im Fernsehen positiv über uns berichtet wird“, gibt Gießereichef Schulte zu. „Wenn Bewerber sehen, welche kulturellen Angebote wir hier haben und dass wir das unterstützen, hilft uns das“, sagt Antennenhersteller Kathrein.

Manche Unternehmen greifen auf die Hilfe externer Experten zurück, um ihre Aktivitäten besser zu koordinieren. Dazu gehören nicht nur Unternehmensberater, sondern auch beispielsweise das Nürnberger Zentrum Aktiver Bürger. Mit seinem Team „Türen Öffnen“ berät es Firmen wie Schulte & Schmidt, Audi, Siemens oder Novartis und bringt sie mit gemeinnützigen Einrichtungen zusammen.

Dass die EU eine Berichtspflicht über solche Aktivitäten einführen will, wird von einigen als zunehmende Regulierung und Gängelung der Unternehmen gesehen. Andererseits dokumentieren viele Unternehmen ihre Engagements schon heute, um selbst einen Überblick zu haben, aber auch um Kunden oder Lieferanten Auskunft darüber geben zu können.

Für Schulte ist die Nachhaltigkeit des Engagements wichtig – und zwar nicht nur bei den Auszubildenden. So haben beispielsweise alle Mitglieder der Geschäftsleitung ein einwöchiges Praktikum in einer sozialen Einrichtung absolviert: in der Drogenhilfe, bei der Heilsarmee oder in einer Schule.

„Nur was von selbst lebt, ist nachhaltig, und nur wer mit Randgruppen arbeitet, kann ein soziales Gewissen entwickeln“, glaubt der Chef, der ein langfristiges Engagement seiner Beschäftigten fördern will. Einige seiner Mitarbeiter helfen nicht nur am Volunteering Tag in der „Oase“. Sie kommen auch sonst mal vorbei und greifen zur Kelle oder zum Spaten.


Interview

Professor Markus Beckmann. Foto: Universität
Professor Markus Beckmann. Foto: Universität

„Den Standort attraktiver machen“

Den Einsatz von Unternehmen für die Gesellschaft erforscht Professor Markus Beckmann vom Lehrstuhl für „Corporate Sustainability Management“ an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Warum engagieren sich Unternehmen freiwillig für gesellschaftliche Aktivitäten?
Oft aus Tradition. Häufig reagieren sie auch auf Nachfragen etwa des Fußballvereins, der neue Trikots braucht. Schließlich aber versprechen sich Unternehmen Nutzen aus solchen Engagements.

Was bringt das denn den Betrieben?
Viel. Es kann dazu beitragen, Mitarbeiter zu motivieren und die Teambildung zu stärken. Außerdem kann man sich von Wettbewerbern differenzieren und Aufmerksamkeit schaffen. Gerade kleinere Unternehmen haben meist einen engen örtlichen Bezug. Mit ihrem Engagement erhöhen sie die Attraktivität des Standorts für externe Bewerber und halten Mitarbeiter.

Was sollte ein Unternehmen gar nicht machen?
Keinesfalls sollte man versuchen, durch ein solches Engagement von Versäumnissen etwa beim Umweltschutz abzulenken.

Welche Bedeutung hat dieses Engagement gesamtgesellschaftlich?
Große. Vor allem kleinere Unternehmen erhalten dadurch das lokale Leben aufrecht.

Die EU plant eine Berichtspflicht für diese Aktivitäten. Was halten Sie davon?
Es schafft Aufmerksamkeit für das Engagement und einen besseren Überblick über die Aktivitäten. Aber die Bürokratie nimmt zu, und die Kosten steigen. Zudem könnte eine Abwehrhaltung erzeugt werden, weil Unternehmen das Gefühl bekommen, dass ihr freiwilliges Engagement zur Pflicht wird.

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