Bürokratie

Verwaltete Alte


Pfleger verbringen fast die Hälfte ihrer Arbeitszeit über Akten

Der Pfleger reicht der alten Frau eine Tasse an. Mit zittrigen Händen umfasst sie das Gefäß und trinkt einen Schluck. Wolfgang Waldau-Spahn nimmt ihr die Tasse wieder ab und stellt sie beiseite.

Scheinbar nur eine Kleinigkeit – und doch ein Fall fürs Protokoll. Auf seinem blauen Formular setzt Pflegedienstleiter Waldau-Spahn hinter die Zeile „Einnahme von Nahrung inklusive Trinken“ sein Kürzel und schreibt das Wort „reichlich“ dazu.

Hätte die Patientin das Trinken verweigert, dann müsste er auch das schriftlich festhalten. „Und zwar nicht nur, dass sie nichts getrunken hat, sondern auch die Art ihrer Ablehnung“, erklärt der 57-Jährige. „Ob sie den Tee ausgespuckt, mit der Hand abgewunken oder nur den Kopf geschüttelt hat.“

Das Diakonie-Altenpflegeheim Martha-Haus im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen. Die 81 Bewohner in den hellen Räumlichkeiten erleben Betreuer, die sich rührend um sie kümmern. Und doch können sie sich nicht voll und ganz den alten Menschen widmen.

Fachkräfte laufen davon

Alltag in deutschen Heimen: Einerseits fehlen in der Pflege Fachkräfte. Andererseits füllt man auf den Stationen Formulare aus, schreibt Übergabeprotokolle und füttert den Computer mit Patienten-Daten.

Während Politiker an einer Reform feilen, macht man in deutschen Heimen Kreuzchen und Kürzel. „Fast die Hälfte der Arbeitszeit verbringen wir damit, unsere Tätigkeiten zu dokumentieren“, so Waldau-Spahn.

Die Akten werden also fast genauso zeitintensiv gepflegt wie die Menschen. Das liegt an den Paragrafen des Sozialgesetzbuches: Sie schreiben Qualitätsstandards vor. Und, dass die medizinischen Dienste der Krankenversicherungen regelmäßig zu Kontrollen vorbeikommen.

Der Dokumentationsaufwand hat einen hohen Preis: Wegen des Papierkrams laufen vielen Heimen die Mitarbeiter davon. Und junge Leute schrecken davor zurück, den Beruf zu er- greifen. „Wir haben große Probleme, gutes Personal zu finden, und die Fluktuation ist relativ hoch“, sagt Helmut Ulrich, der Leiter des Martha-Hauses.

Der Präsident des Deutschen Pflegerats in Berlin bestätigt: „Wer in diesen Beruf geht, tut das aus bestimmten Gründen. Er will am Menschen arbeiten, ihn qualifiziert versorgen“, so Andreas Westerfellhaus. „Wenn eine Pflegerin oder ein Pfleger aber merkt, dass man das nicht mehr tun kann wegen Arbeitsverdichtung und wachsender Bürokratisierung, wird oft eine andere Tätigkeit gesucht.“

Dabei stellt niemand den Sinn von Dokumentationen infrage. „Ohne die geht es nicht, sie sind absolut wichtig“, sagt Heimleiter Ulrich. Jede Einrichtung müsse sich ja absichern. Denn im Zweifelsfall heißt es: „Was nicht dokumentiert ist, wurde auch nicht gemacht.“

Nicht nur „sauber, satt und trocken“

Entlastung bei der Akten-Pflege ist nicht in Sicht. Denn Hilfskräfte – auf den Stationen allgegenwärtig – dürfen diese Verwaltungstätigkeiten nicht übernehmen.

So auch im Martha-Haus. Von den 36 Pflegekräften sind die Hälfte ausgebildete Kranken- oder Altenpfleger. „Der Job hat ein Imageproblem und ist körperlich sehr anstrengend. Hinzu kommt die Belastung durch die Schichtarbeit“, liefert Pflegedienstleiter Waldau-Spahn eine Begründung für den Fachkräftemangel.

Selbst wenn ein Bewerber alle Voraussetzungen und die Bereitschaft zum Schichtdienst mitbringt, muss er noch lange kein guter Pfleger sein. „Einfühlungsvermögen und ein Sinn für das richtige Gleichgewicht zwischen Distanz und Nähe sind das Wichtigste“, erklärt Heimleiter Ulrich.

Fachliche Lücken könne man ausgleichen durch Fortbildungen. „Aber menschliche Defizite lassen sich nicht so leicht korrigieren.“

Ein alter Mensch ist schließlich kein Verwaltungsvorgang. Nicht nur „sauber, satt und trocken“ sollen die Heimbewohner sein, sagt Ulrich.

Das sieht auch sein Kollege Waldau-Spahn so. Gerne würde der Pflegedienstleiter sich öfter dazu setzen, wenn in der Cafeteria geplaudert wird. Zum Beispiel über die Ausstellungen oder Musikabende, die das Martha-Haus regelmäßig anbietet.

Doch stattdessen muss er sich an seinen Schreibtisch setzen.

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