Einfache Jobs

Ungelernte haben am Arbeitsmarkt wieder größere Chancen


Geldern/Berlin. Franz Peter Allofs und seine 63 polnischen Erntehelfer sind im Stress, ständig bimmelt sein Handy. „Wir sind 14 Tage später dran als sonst. Das Wetter hat uns einen Streich gespielt“, sagt der Bauer aus Geldern am Niederrhein, während er durchs Folienhaus schreitet, in dem unter langen, schmalen Hügeln Spargel gedeiht. Und wieder meldet sich ein Kunde am Telefon.

Der 61-Jährige beschäftigt in der Hochsaison neben den polnischen Erntehelfern auch 40 hiesige Kräfte: an der Schälmaschine, fürs Verpacken, im Hofladen. Das sind Jobs, für die man keine Ausbildung braucht.

Lange Zeit galten einfache Tätigkeiten in Deutschland als Auslaufmodell. „Doch 2005 kam es zu einer Trendwende“, sagt Holger Schäfer, Experte für Arbeitsmarktpolitik beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW): „Seitdem ist die Nachfrage nach solchen Jobs wieder gestiegen.“

6.900.000 Beschäftigte sind ohne Berufsabschluss – das ist jeder sechste Erwerbstätige

Ein Grund sei die gute Lage am Arbeitsmarkt: Bis 2012 stieg die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland stetig an, zuletzt auf den Rekordwert von durchschnittlich 41,6 Millionen.
„Von diesem Beschäftigungsaufschwung haben“, so Schäfer, „auch die gering Qualifizierten profitiert, die es traditionell schwer haben, einen Job zu finden.“ 2011 gab es laut Mikrozensus des Statistischen Bundesamts (neuere Zahlen kommen erst Mitte 2013) bei uns fast 6,9 Millionen Erwerbstätige ohne beruflichen Abschluss.

Waren 2005 noch 19 Prozent der schlecht qualifizierten Erwerbsfähigen ohne Arbeit, sank die Quote zuletzt auf knapp 13 Prozent. „Vieles spricht dafür, dass sich diese Entwicklung auch 2012 fortgesetzt hat“, fährt der IW-Experte fort.

Besonders gut kommen gering Qualifizierte in der Landwirtschaft, am Bau, bei Speditionen – und in Handel und Industrie unter: Jeder dritte Lager- und Transportarbeiter hat keine Berufsausbildung.
„Dass solche Menschen wieder bessere Chancen haben, dürfte wesentlich mit den Agenda-Reformen unter dem früheren Kanzler Gerhard Schröder zusammenhängen“, urteilt Schäfer. So wurde zum Beispiel 2006 die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes verkürzt – was den Druck verstärkte, gering bezahlte Jobs anzunehmen.

Positiv wirkten sich auch die gelockerten Vorschriften bei der Zeitarbeit aus, die für viele Arbeitslose ein Sprungbrett zurück in den Beruf bedeutet. Laut Branchenverband BAP waren zwei Drittel der Zeitarbeitnehmer zuvor beschäftigungslos. Seit Anfang 2004 dürfen Zeitarbeitsfirmen beispielsweise Mitarbeiter wiederholt befristet einstellen.

Auf dem Bauernhof der Familie Allofs hat inzwischen der Hofladen geöffnet. Hier verkauft die Schülerin Johanna Müncks. Die 19-Jährige ist froh, dass sie sich etwas hinzuverdienen darf. Nach dem Abi im Frühjahr will sie aufdrehen, um in paar Jahren einen richtig tollen Job zu haben. Müncks wird Maschinenbau studieren.

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