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Vom Hoffnungsträger zum Autokraten

Türkei: Wie Präsident Erdogan sein Land in die Krise treibt

Die türkische Lira auf Talfahrt, steigende Inflationsraten und wachsende Auslandsschulden. Steuert das Land am Bosporus nicht bald um, werden ausländische Gläubiger den Geldhahn zudrehen – eine Verschuldungskrise droht.

Droht gern mit erhobenem Zeigefinger: Der türkische Staatspräsident. Foto: dpa

Droht gern mit erhobenem Zeigefinger: Der türkische Staatspräsident. Foto: dpa

Köln. Es ist noch nicht lange her, da galt die Türkei als aufstrebende Wirtschaftsnation: Wachstumsraten von im Schnitt 5 Prozent paarten sich seit der Jahrtausendwende für mehr als zehn Jahre mit einem positiven Investitionsklima, das vor allem europäische Firmen anlockte. Reformen in Wirtschaft und Gesellschaft machten das Land zum heißen EU-Beitrittskandidaten. In dieser Zeit galt der damalige Ministerpräsident und heutige Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan als großer Hoffnungsträger.

Notenbank unter Druck gesetzt

Dann die Kehrtwende zum Autokraten: Erdogan kündigte den Friedensprozess mit den Kurden auf, beschnitt die Pressefreiheit, schränkte Grundrechte ein. Und bestimmt nun zunehmend die Wirtschaftspolitik im Land: Mit Subventionen, Mega-Investitionen in die Infrastruktur, wie den Bau des Istanbuler Großflughafens, will er die Konjunktur am Laufen halten – koste es, was es wolle. Dabei schreckt er nicht davor zurück, Druck auf die Notenbank auszuüben.

Wachstum weitgehend auf Pump finanziert

„Tatsächlich zeigt die türkische Wirtschaft deutliche Anzeichen einer Überhitzung“, sagt Jürgen Matthes, Währungsexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Sie wuchs 2017 sogar um über 7 Prozent. Doch der Boom, so Matthes, sei weitgehend auf Pump finanziert – begünstigt durch niedrige Zinsen. Die Notenbank erhöhte sie bisher nur zögerlich.

Mit schlimmen Folgen: Durch die extrem gestiegene inländische Konsumnachfrage nahm die Inflation zu. Sie stieg in den letzten Monaten stetig an und erreichte im August 2018 laut türkischem Statistikamt fast 18 Prozent. Das erschüttert massiv das Vertrauen in die Landeswährung Lira: Sie hat seit Anfang dieses Jahres gegenüber dem Euro gut 40 Prozent an Wert verloren.


Trotz der alarmierenden Entwicklung: „Noch läuft die Wirtschaft gut“, sagt Matthes. Auch weil die Regierung weiterhin die Konjunktur stützt, um das türkische Volk und die heimische Wirtschaft bei Laune zu halten – etwa durch verlängerte staatliche Garantien für günstige Immobilienkredite.

In den Büchern der Unternehmen schlummern 2000 Milliarden Lira Schulden

„Dennoch ist absehbar, dass dies nicht mehr lange gut geht“, warnt der IW-Experte. Deshalb müsse die Regierung jetzt eingreifen, die Kreditförderung stoppen und Subventionen abbauen: „Auch auf die Gefahr hin, dass die Arbeitslosigkeit steigt“, so Matthes.

Die wäre womöglich noch das kleinere Übel. Denn viele Unternehmen haben sich, um an Geld zu kommen, auch in Fremdwährungen wie Dollar oder Euro verschuldet. Deren Wert steigt durch den Kursverfall der Lira von Tag zu Tag. Matthes: „Die Unternehmen haben schon heute Auslandsschulden im Wert von gut 2.000 Milliarden Lira.“ Stockt die Rückzahlung, weil etwa die Konjunktur einbricht, droht der Türkei eine Verschuldungskrise.

Matthes: „Die ausländischen Gläubiger werden sich dann genau anschauen, ob man der Türkei noch vertrauen kann. Ansonsten werden sie ihr den Geldhahn zudrehen.“ Keine guten Aussichten für Erdogan.

Mehr zum Thema:

Der Währungsexperte der Commerzbank, Ulrich Leuchtmann, erklärt im Gespräch mit AKTIV, warum die türkische Zentralbank derzeit nicht souverän agiert – und weshalb Präsident Erdogan gefährlich für die türkische Wirtschaft ist.

aktualisiert am 25.06.2018

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