Wichtige Fakten zur deutschen Fairness-Debatte

Themen-Special: Wie gerecht ist unser Land?


Gegensätze: Die eine spielt mit ihrem Pferd, der andere in der Trabantenstadt Köln-Chorweiler mit seinem Nintendo. Fotos: Plainpicture (links), dapd
Gegensätze: Die eine spielt mit ihrem Pferd, der andere in der Trabantenstadt Köln-Chorweiler mit seinem Nintendo. Fotos: Plainpicture (links), dapd

Köln. Egal ob Mindestlohn, Frührente oder Frauenquote: Wo immer es im letzten Bundestagswahlkampf hoch herging, letztlich stritt man um soziale Gerechtigkeit. Im reichen Deutschland läuft was gewaltig schief, sagten die einen. Noch mehr Umverteilung bedroht unser aller Wohlstand, warnten die anderen. Wohl jeder hat dazu sofort ein Bauchgefühl parat – aber damit noch nicht die harten Tatsachen.

Wie geht es uns also wirklich, zu Weihnachten 2013? Ein Themenspecial für alle, die mitreden wollen – wenn sich jetzt wieder eine neue Regierung anschickt, für „mehr Gerechtigkeit“ zu sorgen.

Beim Reizwort „Gerechtigkeit“ denkt längst nicht jeder an das Gleiche

Protest gegen höhere Buspreise in Brasilien: Im Land der Fußball-WM 2014 geht es hoch her. Foto: AFP/Getty
Protest gegen höhere Buspreise in Brasilien: Im Land der Fußball-WM 2014 geht es hoch her. Foto: AFP/Getty

Köln. Schaut her, dieses Land ist ungerecht! Das war die Botschaft der Studenten, die letzten Sommer in Brasiliens Mega-Metropole São Paulo gegen höhere Buspreise protestierten. Am Land der Fußball-WM 2014 lässt sich besonders gut erklären, worum es alles beim Thema Gerechtigkeit geht. Die Wissenschaft unterscheidet sechs Aspekte:

  • Bedarfsgerechtigkeit
    Sie ist in Gefahr, wenn der Staat existenzielle Rahmenbedingungen nicht gewährleistet. Das spielte bei den Ticketpreis-Demos in der Tat eine Rolle: Busse sind für Millionen Brasilianer die einzige Möglichkeit, zur Arbeit zu kommen.
  • Chancengerechtigkeit
    Die Buspreis-Erhöhung hatte aber auch ein Fass zum Überlaufen gebracht: Viele kritisieren, dass Brasilien generell zu wenig investiere – auch in Gesundheit und Bildung. So hätten viele keine Chance, nach oben zu kommen (außer ein paar begnadeten Fußballern). Gerecht heißt hier, dass die Politik für faire Startbedingungen sorgt.
  • Regelgerechtigkeit
    Sie ist, grob formuliert, das Gegenteil von Korruption – ein Thema, das die Demonstranten in Brasilien ebenfalls umtrieb: Dass zum Beispiel viele WM-Stadien erheblich teurer werden als geplant, liege daran, dass viel Geld in dunkle Kanäle geflossen sei.
  • Einkommensgerechtigkeit
    Eine Rolle spielt auch die extreme Kluft zwischen Arm und Reich. In São Paulo gibt es riesige Slums – und hermetisch abgeriegelte, von schwer bewaffneten Patrouillen bewachte Reichensiedlungen. Unter diesem Aspekt bedeutet gerecht so viel wie „möglichst gleich verteilt“
  • Leistungsgerechtigkeit
    Sie steht in einem natürlichen Spannungsverhältnis zur Einkommensgerechtigkeit. Hier geht es darum, dass die Menschen die Früchte ihrer persönlichen Anstrengungen auch ernten können. Ein elementares Prinzip im Fußball – aber auch in der Marktwirtschaft.
  • Generationengerechtigkeit
    Auch Wohlstand auf Kosten der Enkel tangiert Gerechtigkeit. Brasilien gewinnt an Kraft – aber rodete zuletzt in einem Jahr Regenwald von der doppelten Größe des Saarlands.

Alle sechs Aspekte in den Blick nehmen – nach dieser Devise entwickelten Wissenschaftler des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) kürzlich einen „Internationalen Gerechtigkeitsindex“. Unter 28 analysierten Industriestaaten – Brasilien zählt nicht dazu – landet Deutschland auf Platz 7. Das komplette Ranking:
aktiv-online.de/gerechtigkeit

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