Lebensrettende Technik

Textilschlauch schützt vor lodernden Flammen


Wohin, wenn’s auf einer Bohrinsel brennt? Über den Schlauch gelangt man ins Rettungsboot. Fotos: DAPD, JAHREIS

Görlitz. Vor den Füßen von Lars Jahreis öffnet sich ein keilförmiges, ovales Loch. Gleich wird er einen Schritt nach vorn machen und in die Tiefe gleiten, nur um 25 Meter weiter unten wieder auf dem Boden zu stehen.

Der Materialwissenschaftler vom Fachbereich Fördertechnik an der TU Chemnitz sieht seiner Schussfahrt in die Tiefe gelassen entgegen. „In ein paar Sekunden bin ich da, wo ich hingehöre – auf dem sicheren Erdboden.“

Im Ernstfall – zum Beispiel bei einem Brand – könnte der textile Schlauch, durch den der Wissenschaftler auf dem Testgelände in Görlitz gleitet, Leben retten. Und zwar als Evakuierungssystem, das zum Beispiel auf Hochhausdächern oder Bohrinseln installiert wird. Kern der lebensrettenden Idee ist der Schlauch von einem Meter Durchmesser. Die Außenhaut besteht aus Aramidgewebe mit einer Aluminiumbeschichtung. Sie reflektiert Hitze und dichtet das Gewebe gegen Rauch ab.

„Dadurch wird die Konstruktion weitgehend hitzebeständig und kann auch noch sicher genutzt werden, wenn kurzzeitig Flammen aus dem Gebäude schlagen“, erklärt Jahreis.

Luftpolster drosseln die Fallgeschwindigkeit

Das ist längst nicht alles. Einmal an der Gebäudefassade von oben automatisch herabgelassen, sollen die Flüchtenden im Innern hinuntergleiten, anstatt in halsbrecherischem Tempo zu fallen. Ein ausgeklügeltes Luftkammersystem, das mit Ventilen gesteuert wird, macht das möglich.

Alle 80 Zentimeter gibt es eine neue Kammer, die durch eine dünne Membran von der vorherigen abgetrennt ist. Jahreis: „So entsteht ein immer größer werdendes Luftpolster, das den Körper bremst.“

Die geringe Rutschgeschwindigkeit und die spezielle Beschichtung im Innern des Schlauches verhindern Verbrennungen, die man sich ansonsten bei einem Fall durch die Röhre zuziehen könnte.

Als Partner für die Fertigung des Schlauchs haben die Forscher die Plauener Firma Golle Zelte und Planen gewonnen. Vorher aber will Lars Jahreis noch hoch hinaus: „Derzeit ist das System auf maximal 100 Meter Höhe ausgelegt.“ Theoretisch sind sogar mehrere Hundert Meter möglich.
Das stellt sein Team aber vor ein Problem. „Momentan suchen wir ein geeignetes Hochhaus, um den Schlauch weiter zu testen“, so Jahreis. Mindestens 50 Meter Höhe sollten es schon sein.

Der Test ist unter anderem Voraussetzung dafür, dass der Schlauch vom Tüv Süd für den Einsatz als Evakuierungssystem zertifiziert wird. Jahreis ist überzeugt: „Mithilfe des Systems ist es möglich, im Notfall sehr viele Menschen zu retten.“

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