Flexibilität

Tarif öffnet Pespektiven


Zeitkonten und Lohnverzicht verschaffen Weimer Pharma Luft

Rastatt. Arzneien brauchen die Menschen immer, auch in der Rezession. Die Pharma­Industrie gilt daher als krisenfest. Eine Branche ohne Sorgen also? Von wegen. Sie hat an­dere Probleme: „Die Politik ist unser größter Feind“, sagt Willmar Weimer, Unternehmer in Rastatt.

Ihre Eingriffe ins Gesundheitssystem machen ihm zu schaffen. Der Familienbetrieb, der mit 300 Mitarbeitern für große Pharma-Unternehmen Arzneien entwickelt und herstellt, kämpft deshalb mitunter an mehreren Fronten um die Zukunft der Jobs. Die Öffnungsklauseln des Chemietarifs helfen ihm dabei.

„Langfristig planen? Das geht oft nicht“

Beispiel Auftragsschwankungen. Immer kurzfristiger bestellen die großen PharmaKonzerne ihre Arzneien bei Weimer. Denn immer öfter schließen sie Lieferverträge für be­stimmte Medikamente mit den Krankenkassen ab. Solange sie aber den Zuschlag nicht in der Tasche haben, „planen sie vorsichtig“, weiß Weimer. „Da füllt keiner groß seine Lager.“ Und in Rastatt bleibt der Auftrag aus. Wenn die Bestellung dann kommt, muss es meist rasch gehen.

„Langfristig planen? Das geht oft nicht“, sagt Weimer. Der Ausweg hier: flexiblere Arbeitszeiten. Die Öffnungsklauseln des Chemietarifs ma­chen es möglich, der Betriebsrat zieht mit, und eine Betriebsvereinbarung regelt alles ge­nau. Jeder Mitarbeiter kann nun bis zu 80 Überstunden an­häufen oder maximal 80 Mi­nusstunden aufbauen.

„Das schafft eine Menge Puffer“, schildert Weimer. Er findet: „Um in diesen Zeiten überhaupt agieren zu können, braucht man eine Belegschaft, die Flexibilisierungen mitträgt.“ Seine Mitarbeiter tun das, auch an anderer Stelle.

Denn zum schwankenden Auftragseingang kommt oft genug noch Kostendruck. Die Politik dreht bei den Nachahmer-Arzneien („Generika“) die Preisschraube runter und bei den Lie­ferverträgen dringen die Kassen auf günstigere Preise. Die Folge: Die Rastatter müssen knallhart kalkulieren.

Luft verschafft auch hier der Chemietarif. So hat die Belegschaft nach dem Tarifabschluss von 2008 auf die Einmalzahlung verzichtet. „Wir haben einen sehr hohen Lohnkostenanteil“, erklärt Weimer. Der macht etwa 40 Prozent aus. Da ist nicht jede Tariferhöhung leicht zu verkraften.

„Hier geht es noch persönlich zu“

Der Betriebsratsvorsitzende Ioan Zahorneanu ist daher zu Kom­promissen bereit: „Wir hal­­­ten die Firma fit für den Wettbewerb“, erklärt er. „Wenn große Kon­zerne die Ein­mal­zahlung leisten können, heißt das nicht, dass Mit­telständler, die mehr unter Preis­druck stehen, das auch können.“

Dafür biete Weimer Pharma aber die Vorteile eines Familienbetriebs, findet der Betriebsrat: „Großes gegenseitiges Vertrauen und ein gutes Klima. Hier geht es persönlich zu. Die Leute identifizieren sich mit der Firma.“ 29 Prozent von ihnen sind über 20 Jahre dabei.

Nicht ohne Grund. Denn Firmenchef Weimer ist der 70 Jahre alte Familienbetrieb ein echtes An­liegen: „Es geht da­rum, ein Lebenswerk aus­zubauen und weiterzugeben.“ Dafür setzt er sich ein. Und hat schon manche Klippe überwunden. Auch damals in den 80er-Jahren, als auf ein­mal ein Drittel vom Um­satz wegbrach. Weimer: „Wir haben es immer wieder ge­packt.“

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