Konsum

Tapetenwechsel gegen die Krise


Schöne Wandverkleidungen sind bei uns jetzt sehr gefragt

Kirchhain. Tapetenwechsel ist angesagt – und zwar ganz wörtlich genommen! Die Wohnung renovieren, alles auf Vordermann bringen, die gemütliche Lieblingsecke durch eine schöne Wandverkleidung hervorheben. Wann, wenn nicht jetzt?

„Die erste Jahreshälfte beschert uns immer Hochbetrieb: Für viele scheint das die beste Zeit zu sein, um die eigenen vier Wände aufzuwerten“, sagt Ullrich Eitel, Chef der Marburger Tapetenfabrik.

Trotz der Krise haben seine 380 Mitarbeiter noch gut zu tun. Zwar schwächelt das Auslandsgeschäft, das dem mittelhessischen Betrieb im Vorjahr 60 Prozent des Umsatzes von insgesamt 75 Millionen Euro brachte. Die Lieferungen nach Russland zum Beispiel sind laut Eitel um fast ein Drittel eingebrochen. Freude macht da ausgerechnet ein Blick auf die Zahlen aus Deutschland: „Hier brummt unser Geschäft“, so Eitel.

4.000 Artikel im Sortiment

Trendforscher überrascht das kaum: In schwierigen Zeiten wachse das Bedürfnis nach Wärme und Geborgenheit – und der Wunsch werde stärker, sich selbst etwas Gutes zu tun.

Kurzarbeit oder auch nur der angeordnete Abbau dicker Arbeitszeitkonten beschert zudem jetzt vielen Bundesbürgern viel ungeplante Freizeit – die eben auch für die Verschönerung des Zuhauses genutzt wird.

Die Wandbeläge dafür lie­fert die Marburger Tapeten­fabrik. Die Firma ist mehr als 160 Jahre alt, vor genau 130 Jahren begann die hauseigene Produktion.

Heute zählt das Sortiment über 4.000 Artikel. Die Rollenware mit dem Markennamen „marburg“ wird ausschließlich in Kirchhain bei Marburg produziert – und kann dank eines fast vollautomatischen Lager- und Versandsystems 24 Stunden nach Auftragseingang geliefert werden.

Bestellungen kommen aus aller Welt: Kunden in mehr als 80 Staaten machen die hochwertigen Wandverkleidungen in den Arabischen Emiraten ebenso bekannt wie etwa in Australien oder Asien.

Das Preis-Spektrum ist breit: Eine einfachere Tapete gibt es schon für 3,50 Euro pro Rolle. Luxus-Wandbeläge von Designern wie Luigi Colani, Ulf Moritz oder Karim Rashid können locker 1.000 Euro pro Wand-Bild kosten: Das wird dann, aus wenigen Bahnen zusammengestellt, zum auffallenden Blickfang im Raum.

„Viele international angesehene Künstler und Designer schätzen unser Know-how und unsere technischen Innovationen für ihre künstlerische Inszenierung“, erläutert Eitel.

Die Firma hat Wandbeläge entwickelt, die gegen Röntgenstrahlen oder Elektrosmog abschirmen, ebenso Tapeten aus Schaumvinyl oder Textil.

Führend ist sie laut Eitel auch in der „Crush-Technologie“: Hauchzart plissierte Papiere werden dabei auf hochwertige Vliesträger kaschiert.

„Durch die Verarbeitung von Spezialgranulaten und die Veredelung mit Gold, Silber oder irisierenden Pigmenten produzieren wir Tapeten mit fan­tas­tischen Oberflächen“, freut sich der Chef. So fällt ein Wandbelag durch ein Meer von Perlen auf, die zum Berühren verführen – und beim nächsten setzen dicke goldene Halbkugeln ganz andere optische Akzente.

Neugierige Designer

Damit die Ware bei den Zeitgenossen ankommt, sind Art Director Dieter Langer und sein Team unermüdlich auf Trendsuche. „Ob im Bazar in Marrakesch oder vor einem Schaufenster in Deutschland: Neugierig bleiben ist in unserem Beruf das Wichtigste“, sagt Langer. Denn er weiß: „Letztlich entscheidet der Kunde am Markt – wir können nur hoffen, seinen Geschmack zu treffen.“

Wo Kartons sich zum Versand bewegen

Gabelstapler gibt es hier längst nicht mehr: Sollen Tapetenrollen auf den Weg zum Kunden gebracht werden, bewegen sich große Kartons ganz ohne menschliche Hilfe durch den Betrieb. Möglich macht das ein neues Hochregallager, in dem sich fertige Ware 35 Meter hoch stapelt.

„Das ist derzeit die modernste Anlage für Tapeten und Wandbeläge – vollautomatisch, schnell, genau“, freut sich Firmenchef Ullrich Eitel. 15.000 Paletten-Standorte und 13.000 „Kleinplätze“ können angesteuert werden, mit einer Geschwindigkeit von 5 Metern pro Sekunde werden die jeweils gewünschten Tapeten und Wandbeläge dann zu den Mitarbeitern im Versand befördert.

Zum Beispiel zu Ilona Bonacker und Margret Martin. Für eine Bestellung brauchen sie nur wenige Augenblicke: Flugs ist der Barcode am Paket eingescannt – sofort werden Adress-Aufkleber und Versandpapiere ausgedruckt – und los!

„Zum Farbmischer wird man geboren“

Ein bisschen mehr Orange? Vielleicht noch ein Hauch Blau? Aziz Yildirim ist hochkonzentriert – wie immer, wenn er eine neue Farbe anrührt. Der gelernte Drucker weiß um seinen verantwortungsvollen Job: „Wenn ich Mist mache, sind schnell mal 1.000 Euro weg.“

Yildirim ist einer von elf Farbmischern der Marburger Tapetenfabrik. Sie kümmern sich darum, dass die zwölf gigantischen Druckmaschinen sechs Tage die Woche rund um die Uhr mit der richtigen Druckfarbe versorgt werden. Mit der nötigen Menge – und exakt im von den Designern vorgegebenen Farbton. Gibt es für die Farbmischmaschine noch kein fertiges Rezept, wird es von Hand entwickelt.

Auch Feinabstimmungen nach dem Andruck gehören zu den Aufgaben der Farbmischer.

Als Yildirim vor fast 20 Jahren seine Lehre begonnen hatte, merkte sein Ausbilder schnell: „Das ist wieder einer!“ So erzählt es Produktionsleiter Hartmut Ducke. „Denn Farbmischer kann man nicht lernen, dazu wird man geboren: mit den richtigen Augen und einem guten Farbgefühl.“

Trend-Info: „Well-Being“ bringt Geschäft

Trendforscherin Li Edelkoort sagt den Firmen eine goldene Zukunft voraus, die das Bedürfnis des Menschen nach „Well-Being“ erfüllen – damit meint sie den „Wunsch nach sinnlichem Wohlbefinden in allen Bereichen des täglichen Lebens“. Menschen wollen sich verwöhnen. Und davon profitieren Branchen, die entsprechende Waren bieten: Nahrungsmittel natürlich, Gesundheit und Kosmetik, aber auch Wohnen und Einrichten – von der Tapete bis zum Teppich.

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Schlagwörter: Haus und Garten

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