Gesundheit

Studie: Arbeit macht nicht krank

Ein Problem mit vielen Facetten: Den Ursachen psychischer Erkrankungen geht eine aktuelle Studie auf den Grund. Foto: Plainpicture

München. Gut 300 Millionen Euro im Jahr wenden Bayerns Betriebe inzwischen für Lohnfortzahlungen bei psychischen Erkrankungen auf. Weitere 1,7 Milliarden Euro zahlen die Sozialversicherungen, der Arbeits- und Produktionsausfall im Freistaat erreicht sogar die Größenordnung von 3,5 Milliarden Euro.

Diese Zahlen nannte jetzt Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der bayerischen Metall- und Elektroarbeitgeberverbände bayme und vbm, bei der Vorstellung einer in Deutschland einzigartigen Langzeitstudie zum Einfluss der Arbeit auf das Seelenleben. Zentrales Ergebnis: Arbeit ist kein besonderer Risikofaktor für psychische Erkrankungen. Die Verbände hatten die Studie beim Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie in Auftrag gegeben. Sie stand unter fachlicher Leitung des renommierten Depressionsforschers Professor Florian Holsboer (siehe Interview unten).

Keine Krankheiten zweiter Klasse

Zwar haben sich die Fehlzeiten wegen psychischer Krankheiten seit 2007 verdreifacht – so der jüngst veröffentlichte Psychoreport der Krankenkasse DAK. Doch ein tatsächlicher Anstieg psychischer Erkrankungen lässt sich nicht nachweisen.

Die Erklärung: Ärzte diagnostizieren psychische Erkrankungen inzwischen deutlich häufiger. Der Studie zufolge ist Arbeit kein besonderer Risikofaktor, aber auch kein Schutzfaktor. In Langzeituntersuchungen einer seit 1994 regelmäßig befragten Gruppe ergaben sich keine Unterschiede zwischen berufstätigen und nicht berufstätigen Personen. Ursachen seien Vererbung, frühkindliche Traumata, Überlastung im Alltag oder bestimmte Persönlichkeitsstrukturen. Zudem sei der Umgang mit diesen Krankheiten, früher oft als körperliche Leiden ausgewiesen, heute offener.

Die Arbeitgeber der Metall- und Elektroindustrie nehmen das Thema ernst. „Psychische Krankheiten sind keine Erkrankungen zweiter Klasse“, betont Brossardt. Seit 2013 gibt es einen anonymen telefonischen Beratungsservice bei psychischen Problemen. Fachleute helfen Betroffenen und Vorgesetzten präventiv und in Akut-Situationen, etwa durch die schnelle Vermittlung von Behandlungsplätzen.

Zudem organisieren die Verbände Weiterbildungen zur Sensibilisierung Vorgesetzter auf überbetrieblicher oder betrieblicher Ebene. „Ein solches Aktions- und Service-Paket zum Thema psychische Gesundheit bietet kein anderer Arbeitgeberverband in Deutschland“, so Brossardt.

Die von der Bundesregierung geplante Anti-Stress-Verordnung sieht er kritisch: Arbeit werde so negativ besetzt. „Es wird unterstellt, dass sie potenziell psychisch krank macht. Diese Unterstellung ist falsch.“


Interview: Firmen können helfen, wenn sie frühzeitig eingreifen

Professor Florian Holsboer. Foto: Rumpf
Professor Florian Holsboer. Foto: Rumpf

Arbeit ist kein besonderer Risikofaktor für psychische Erkrankungen. Das stellt Professor Florian Holsboer fest. Der renommierte Depressionsforscher und Chef der HMNC GmbH leitete von 1989 bis 2014 das Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München.

Herr Professor Holsboer, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit psychischen Erkrankungen. Macht Arbeit krank?

Arbeit an sich macht nicht krank. Sie schützt auch nicht vor psychischer Krankheit.

Nimmt die Zahl psychischer Erkrankungen zu? Brauchen wir eine Anti-Stress-Verordnung?

Die Anzahl der Menschen mit psychischen Erkrankungen nimmt nicht zu – wohl aber die Häufigkeit von Fällen, bei denen eine Diagnose wie Depression oder Angsterkrankung gestellt wird. Die Menschen sind offener geworden, Kampagnen gegen die Stigmatisierung der Psychiatrie zeigen Erfolg.

Eine Anti-Stress-Verordnung hilft weder den psychisch Kranken noch den Gefährdeten. Selbst wenn es eine gesetzliche Regelung geben würde, kann ich mir nicht vorstellen, wie man sie umsetzen soll. Feinstaub kann man messen, Lärm auch. Aber die individuell wahrgenommene Stress-Belastung? Da gibt es keinen allgemein gültigen, objektiven Messwert.

Was sind die Hauptursachen für diese Krankheiten?

Die Erbanlagen, die uns die Eltern mitgegeben haben. Dazu kommen psychische Traumatisierungen und chronische Dauerbelastungen.

Verschlimmern sich diese Krankheiten durch Arbeit?

Chronischer Stress spielt bei denjenigen Menschen eine Rolle, die eine Veranlagung etwa für Depression haben. Es gibt aber keine spezifisch aus der Arbeit ableitbaren Krankheitsfaktoren.

Wie sollte der Arbeitgeber mit diesem Thema umgehen?

Speziell die Depression ist volkswirtschaftlich eine der größten Belastungen überhaupt. Für den Arbeitgeber ist das Wichtigste, gesunde und zufriedene Mitarbeiter zu haben, dann sind sie auch produktiv. Ziel einer betrieblichen Gesundheitsvorsorge soll sein, den Mitarbeitern Informationen zu geben, wohin sie sich beim Auftreten von Symptomen wenden können. Es soll ihnen rasch geholfen werden, bevor es zum Vollbild einer Depression kommt. Die Zukunft gehört der Prävention, nicht der Reparaturmedizin.

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