Wettbewerb

Strom Wars


Wie kommunale Versorger die Macht auf dem Strommarkt an sich reißen wollen

Treuenbrietzen. Es gibt Fragen, die bleiben wohl auf ewig ohne Antwort. Beispiel: Ob Mace Windu, legendärer Jedi-Ritter aus George Lucas’ Kino-Epos „Star Wars“, wohl jemals mit seinem Raumschiff in Treuenbrietzen, Brandenburg, gelandet ist?

Wir haben, sorry, keine Ahnung. Allerdings: Grund dazu hätte er gehabt. Findet zumindest Treuenbrietzens umtriebiger Bürgermeister Michael Knape: „Den Strom fürs Laserschwert hätte er nirgends billiger bekommen als hier bei uns im Ortsteil Feldheim.“

Billiger Strom! In Deutschland! Wie geht denn das?

Die Erklärung ist reichlich irdisch: Feldheim, 143 Einwohner, ist Deutschlands einziger energieautarker Ort. Seit einem Jahr beziehen die Bewohner ihren Strom von einem privat betriebenen Windpark in der Nähe. Weil sich der Stromkonzern Eon weigerte, sein Leitungsnetz für solcherlei Ketzereien zur Verfügung zu stellen, legten sich die Feldheimer mit EU-Mitteln kurzerhand ein eigenes in die brandenburgische Scholle.

Und um sich vollends unabhängig zu machen von den großen Konzernen, gründeten die Dorfbewohner auch noch ein eigenes Stadtwerk, das sich seither um Netzsicherheit und Verteilung kümmert. Lohn der ganzen Mühe: ein bundesweit konkurrenzlos günstiger Endverbraucher-Strompreis: „Nur 16,6 Cent pro Kilowattstunde, gut 20 Prozent weniger als früher“, jubelt Bürgermeister Knape.

Marktanteil soll sich verdreifachen

Zugegeben – der Nabel der Welt ist Feldheim mit seinen gerade mal 37 Haushalten nicht. Und doch: Die Feldheimer Energierevolution illus­triert jenen erbitterten Machtkampf, der gerade auf dem Strommarkt entbrennt.

Konnte sich bislang das Quartett der Stromriesen Eon, RWE, EnBW und Vattenfall seiner Marktmacht sicher sein, droht jetzt ein Angriff aus unverhoffter Richtung. Denn: Die Stadtwerke, einst totgesagte Relikte kommunaler Bräsigkeit, blasen zur Attacke!

Und zwar lautstark. „Wir stehen vor einem Jahrzehnt der Stadtwerke“, verkündet Hans-Joachim Reck, Chef des Stadtwerke-Verbands VKU. „Die Gewichte in der deutschen Stromproduktion werden sich deutlich verschieben. In den nächsten 10 bis 15 Jahren wollen wir den kommunalen Anteil auf 25 Prozent steigern.“ Das ist fast dreimal so viel wie heute (siehe Grafik in der Bildergalerie).

So klingt eine Kampfansage. Und tatsächlich bringen die rund 900 kommunalen Versorger schon seit längerer Zeit ihre Truppen in Stellung. Soll heißen: Sie bündeln ihre Kräfte, um den vier Großen Marktanteile abzujagen. So übernahm zuletzt ein kommunales Konsortium die ostdeutsche Eon-Tochter Thüga, 2011 ging im Ruhrgebiet der Kauf des fünftgrößten Kraftwerksbetreibers Evonik Steag durch ein Stadtwerke-Konsortium über die Bühne.

Fachleute trauen den Stadtwerken einiges zu. „Für die Stadtwerke bestehen durchaus Chancen, ihren Marktanteil zu erhöhen“, urteilt etwa Christian Growitsch vom Energiewirtschaftlichen Institut der Uni Köln. Er begründet das mit dem „Ausbau der erneuerbaren Energien, dem wachsenden Interesse an dezentralen Lösungen sowie dem Bedarf an flexiblen konventionellen Kraftwerken“.

Und Holger Krawinkel, Energie-Experte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen in Berlin, prophezeit: „Wenn durch viele kleinere Kraftwerkseinheiten mehr Wettbewerb entfacht wird, ist das positiv für den Kunden.“

„Saft war immer da, und billig ist er auch“

Die von Stadtwerken oft eingesetzte Kraft-Wärme-Kopplung ist effizienter als Großkraftwerke. Und wenn vor Ort Reserven entstehen, „steigt bundesweit die Versorgungs­sicherheit“, so Krawinkel.

In Treuenbrietzen, Ortsteil Feldheim, gab es noch keinen Blackout. Obwohl man sich vor einem Jahr von Eon abklemmte. Helmut Fügemann, Leiter des einzigen ansässigen Industriebetriebs, einer Metallfirma: „Saft war immer da. Und billig ist er auch.“

Neuerdings reisen Strom-Experten aus aller Herren Länder an. Um zu gucken, wie das funktioniert. Nur Mace Windu, der Jedi-Ritter, war noch nicht da. Aber vielleicht kommt er ja noch…

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