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Themen-Special: Umwelt

Stickoxide in Diesel-Abgasen – was man dazu wissen muss

Nur 28 Prozent der Stickoxide in der Luft stammen von Diesel-Pkws. Die gesamten Stickoxid-Emissionen sinken seit Jahren, auch an den Verkehrsschlagadern in den Innenstädten. Fakten und Einordnungen dazu lesen Sie hier.

Köln. Das träfe Millionen Autofahrer: Fahrverbote für Diesel-Autos drohen in Dutzenden Städten. Hamburg, Düsseldorf, Stuttgart und München zählen dazu. Immer wenn eine der 650 amtlichen Messstationen zu deutlich oder an zu vielen Tagen über 50 Mikrogramm Stickoxide pro Kubikmeter Luft registriert, kann es schon bald heißen: Diesel aus!

Was vor allem Pendler und Handwerker vor massive Probleme stellen würde, ist auch ein Schlag für die deutsche Automobil-Industrie: Ihr Image hat empfindliche Kratzer bekommen, seit klangvolle Herstellernamen mit systematisch verfälschten Abgaswerten ihrer Fahrzeuge in Verbindung stehen.

Doch in der Dicke-Luft-Debatte gerät manches durcheinander. Viele denken, die Umwelt sei stärker belastet als früher. Auch Probleme, die mit dem Thema nicht zusammenhängen, werden damit vermengt – etwa Meldungen über Populationsveränderungen bei Bienenvölkern und anderen Insekten, was mit der Veränderung der Agrarlandschaften und fehlenden Rückzugsgebieten zu tun hat.

Was ist bei den Diesel-Emissionen wirklich der Sachstand? AKTIV bietet einen Überblick.

Zu den Stickoxiden tragen Diesel-Pkws 28 Prozent bei. 60 Prozent kommen von außerhalb des Verkehrs; allein 10 Prozent von den zum Teil sehr betagten Heizungen der Privathaushalte. Und der Fortschritt sowohl im Fahrzeugbau als auch in Fabriken und Kraftwerken zeigt Wirkung. Die gesamten Stickoxid-Emissionen sanken seit 1990 um 60 Prozent und seit 2000 um 38 Prozent.

Die nun drohenden Fahrverbote würden sich auf eine EU-Vorschrift gründen: Im Jahresmittel soll die Stickoxid-Konzentration auch innerstädtisch nicht über 40 Mikrogramm je Kubikmeter Luft liegen – und nur an maximal 35 Tagen im Jahr über 50 Mikrogramm. Dabei richtet sich der Blick naturgemäß auf die Verkehrsschlagadern. 2016 wurden dort die 40 Mikrogramm erstmals im Durchschnitt unterschritten. „Wir rechnen damit“, teilt das Umweltbundesamt auf Anfrage von AKTIV mit, „dass auch der Wert für 2017 darunterliegt.“

Doch vielerorts wird die Vorgabe eben trotzdem zu oft verfehlt. Daher die drohenden Fahrverbote; zudem will die EU Deutschland (und elf weitere Staaten) vor dem Europäischen Gerichtshof verklagen. Allerdings: Wissenschaftler schütteln den Kopf. Die Stickoxid-Grenzwerte, sagen sie, seien gleich doppelt fragwürdig.

Zum einen geht es um die Positionierung der Messungen unmittelbar in Fahrbahnnähe. „Schon 20 Meter von den Straßen weg halbieren sich die Werte“, sagt Jürgen Pfeil, Messingenieur am renommierten Karlsruher Institut für Technologie. Das Bild werde verfälscht, man könne von Prüfstationen keinen Rückschluss auf ganze Städte ziehen.

20 Meter neben der Straße ist der Wert an Stickoxid nur halb so hoch

Zum anderen ist der Jahresmittel-Grenzwert von 40 Mikrogramm auch an sich umstritten. Die strengen Arbeitsschutz-Regeln an Fabrik-Arbeitsplätzen erlauben maximal 950 Mikrogramm. Begründet wird das damit, dass sich in Betrieben gesunde, arbeitsfähige Menschen aufhalten, während an der Straße auch Kleinkinder, alte Menschen und Leute mit Atemwegserkrankungen betroffen sind. „Doch ein Unterschied um das 23-Fache ist nicht nachvollziehbar“, sagt Professor Matthias Klingner, Chef des Fraunhofer-Instituts für Verkehrs- und Infrastruktursysteme in Dresden. Klingner ist überzeugt: „Das Gesundheitsrisiko durch Stickoxid wird maßlos überschätzt.“ Fahrverbote seien in keiner deutschen Stadt erforderlich: „Das Verbannen von Autos ist Unsinn.“

Fast komplett unkritisch ist die Lage beim zweiten Schadstoff, der mit Diesel in Verbindung gebracht wird: Feinstaub. Auch hier ist die Belastung niedriger als früher, und auch hier gibt es andere Ursachen – von Holzpellet-Heizungen und Baustaub bis zum Brems- und Reifenabrieb von Autos egal mit welchem Antrieb.

Showdown am Stuttgarter Neckartor

Der Grenzwert, der laut EU-Vorgabe nur an maximal 35 Tagen überschritten werden darf, beträgt hier genau wie bei den Stickoxiden 50 Mikrogramm je Kubikmeter Luft. Die Recherche beim Umweltbundesamt ergibt: Bis zum 5. Dezember (so die jüngste Auswertung) hat dieses Jahr von den bundesweit rund 400 Feinstaub-Messstationen nur eine einzige öfter als an 35 Tagen zu viel angezeigt: am Stuttgarter Neckartor. Derzeit testet man dort neue Mooswand-Systeme, um das Problem aus der Welt zu schaffen.


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